Fünf Wortemacher aus Berlin faszinieren bei “Fontane” in Neuruppin

Im Kalender für 2027 sollte der 18. Februar schon mal angekreuzt werden. Die Brauseboys aus Berlin kommen immer zu diesem Datum nach Neuruppin. Das zeigen jüngste Untersuchungen von Jana Kolar-Voigt. Wer aber Probleme hat mit Humor, Gegenwartskunde und Satire, sollte an jenem Abend Abstand halten von der Fontane-Buchhandlung und einfach irgendwo den Kopf in den Sand stecken. Das hat Langzeitwirkung, nicht nur in der Mark.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Ohnehin kann vor dem Buch als Ware gar nicht genug gewarnt werden. Nicht zufällig wird manchmal von “Zündstoff” gesprochen. Als um EU-Verordnungstreue bemühter Verleger verlas Volker Surmann Hinweise zum Umgang mit dem Buch, vom Einband bis zur Bindung, vom Papier bis zur Schrift. Manchmal lauert die Gefahr auch zwischen den Zeilen. Dann, das hätte man gerne dazwischengerufen, hilft nur gute Sekundärliteratur mit höchster Warnstufe. Surmann indessen hatte nur ein Interesse: Lesesicherheit schaffen. Das weckte Vertrauen, auch im Hinblick auf das mehr zufällig mitgebrachte Werk “Wels Untergang”. Da haben auch Robert Rescue, Thilo Bock, Heiko Werning und Frank Sorge ihre Jahresbeiträge 2025 zu sprudelndem Druckwerk werden lassen.
Rescue ging zunächst noch einen Schritt weiter zurück, indem er an eine Zeit erinnerte, die noch nicht von den zündenden Ideen, dem Wechselfieber und der Landnahmelust eines Donald Trump als US-Präsident geprägt war. Auch wenn Joe Biden von Schwächen nicht freigesprochen wurde, war es doch schwer, dem Sog der Regression zu widerstehen Richtung Urzeit. Ein Bick auf die Regale und Tische zeigte, dass die Literatur, nicht allein bei “Fontane”, längst die kaputte Weltordnung in den Blick nimmt.
Die fünf Herzensberliner sind aber erstmal ihrem wundersamen Gemeinwesen verpflichtet. Wenn es da an den Schulen nicht so läuft, wird das zum Thema gemacht. Etwa das Verbot von Schneeballwurf oder Schneemannbau. Eine Petition starten? Plakate malen und Pappen kleben, das weiß Frank Sorge, das können die Kids ja schon seit den Projekten zur Demokratierettung. Um Wohl und Wehe seiner eigenen Kinder und seine künstlerische Produktivität ging es Heiko Werding, als er schilderte, wie man daheim die Tage im Januar 2’26 ohne elektrische Versorgung erlebte. “Kommt der Russe ?”, war sicherlich die krasseste Frage. “Wozu?”, wusste allerdings auch niemand im tristen Wedding, wo ein Teil des Ensembles sein Leben fristet. Das Stichwort “Dunkelflaute” aus dem Kampfwörterbuch fiel und es wurde klar, dass es um Sinnfragen geht, wenn sich nicht mehr alles ums Handy, ums Tablet oder den Loptop dreht. Notration hatte auch niemand, also Brause und Brot und Teelichte. Und Bücher? Eine Notration bei Tageslicht?

Achtung! Gefahrengut Buch – der Verleger verliest den Beipackzettel.

Bei den letzten Päckchen des Lebens könnte Thilo Bock weiterhelfen. Seine “Verfressenen Verse” sind schonungslos. Passend zur Fastenzeit räumte er auf in den Kühlschränken, auf den Regalen, ja selbst in den bunten Obstschalen. Salami wird lyrisch zerlegt, Gouda löst sich auf in Spott. Der blöde Lauch bringt auch keine Küchenhilfe. Also: “Leibgedicht statt Leibgericht!”
Um ein gutes, ein besseres, im besten Falle ein ewiges Leben ging es auch Rescue, als er sich geduldig und beharrlich mit “Schrittezählern” befasste bis zum Umfallen. 7000 müssen genug sein. “Im Jahr?”, wurde irgendwo gefragt. Irrwege zählen auch. Nur auf Vorrat gehen, das geht nicht. Und verzinst wird auch nicht. Gelacht aber wurde viel, nachgedacht sicherlich auch bei so viel Alltagsbezug.

Zum Abschied KI-gestützte Mimik: “Na ja! Na klar! Nur so! No!! Let’s go!”
Fotos VHS

Die Krönung des Abends war sicherlich die Liveschalte, die es Surmann am Mikrofon möglich machte, unmittelbar von einem olympiaartigen Wettstreit unter Wortathleten aus aller Welt zu berichten. Fast hätte es ihn selbst fortgerissen, so wie er sich atemlos über den einfachen Kalauer, dreifache Pointen und gewagte Fallhöhen, auch grammatisch, äußerte und manches Dargebotene einfach voll plusquamperfekt fand. Also Gold! Nur “Trumpeltier”, ein blöder Neologismus, könnte ihn die Lizenz zum Tönen kosten.
Als Nachfolger böte sich Werning an. Er wagt sich in die sinnleere Zone seiner Kinder. Er redet mit ihnen über ihre Musik, über Stars, über YouTube und TikTok und er merkt nicht, wie lächerlich dieses Unterfangen wirken muss in der Welt seiner Kids, die ihn allenfalls tolerieren, so wie er sich anbiedert als Oldie ohne Selfie mit Promi. Nur gut, dass der Brauseboy nicht aufgebraust ist! Ob eine mediale Fastenzeit der Generation Z hülfe? Oder Augenschrauben? Oder sanftes Liedgut mit Antifazuckungen wie von Musikus Frank Sorge?
Mehr zu all den Themen und dem kommenden Unheil spätestens am 18. Februar 2027. Es soll noch Karten geben…

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