Wo Ende November gelesen wird…
Die beiden Schicksalswahlen rücken näher. Zuerst wählt Sachsen-Anhalt seinen Landtag, dann Mecklenburg-Vorpommern. Monchi und sein Verlag haben es gerade noch geschafft, das Buch “Jenseits der Brandmauer” paar Wochen vor den Wahlen auf den Markt zu bringen. Der Frontmann von “Feine Sahne Fischfilet” wird Ende November 2026 im Kulturhaus in Neuruppin daraus lesen. Mit “Brandmauer – Wie umgehen mit der AFD?” ist Konkurrenz auf dem Buchmarkt hinzugekommen.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Ich wäre gerne abgeklärter”, schreibt Monchi, der Punkmusiker. Eigentlich heißt er Jan Gorkow. Jani kam 1987 in Neubrandenburg zur Welt. Schriebe man nur, die Mutter sei im Zuge der Einheit frei praktizierende Zahnärztin geworden und der Vater freier Unternehmer, wäre das wohl nicht die Unwahrheit und doch bisschen wenig für dieses krasse Knabenleben. Das Buch hat Züge einer Biografie. Bei dem Gedanken, die heute dreijährige Tochter werde all das dereinst nach seinem Ableben lesen, kommen ihm die Tränen. Schreibt er gegen Ende. Glauben wir’s mal. Auch, dass ihm das schlichtweg Menschliche unter Menschen immer wichtiger wird. Leider findet er manchmal nur sehr grobe Worte, etwa wenn es um die nackte Tatsache geht, dass seine Eltern eben nicht in Aleppo Liebe machten und dieses feurige übergewichtige Leben entfachten. Apropos Syrien seinerzeit, von wegen Menschlichkeit: “Man lässt keine Menschen ertrinken.”
Wohnhaft ist der Sänger und Texter inzwischen wieder in Jarmen. Das Ende (des Buches) naht bereits, als es bekennerhaft heißt: “Ich bin ein ‘antifaschistischer Lokalpatriot’.” Umgeben ist er mehrheitlich von AFD-Wählenden, soweit das Wahlrecht wahrgenommen wird. Mit den jammervollen Jubeldaten der rechtspopulistichen Partei aus dem Bundestagswahljahr 2025 beginnen die Aufzeichnungen. Am Wochenende der Wahlen in Sachsen-Anhalt Anfang September 2026 wird es in Jarmen wieder das Festival “Wasted” geben. Das hat schon Tradition. Ist eine Mitmachaktion. Immer noch sieht sich Monchi als Aktivist, aber eine gezielte Kampagne gegen die AFD soll es in diesem Sommer nicht geben. “Wir haben auf diese extreme Polarisierung keinen Bock mehr”, schreibt er gegen Mauern jeder Art, also auch gegen eine Brandmauer in Jarmen. Er verteilt keine Haltungsnoten, sondern weitere Denkzettel: “Die Kulturszene erzählt der Kulturszene, wie wichtig die Kultur ist, und die Kulturszene glaubt es sich irgendwann selbst.” Lassen wir es mal dabei. Der Stift fur’s Anstreichen ist schon fast leer. Nein, das noch, ein Fundstück irgendwo unterwegs: “Würde ich mich nicht verändern, wäre ich nicht mehr der Gleiche.” Und das: “Ich glaube nicht, dass morgen der Nationalsozialismus ausbricht.” Man darf gespannt sein, wie der linkspatriotische Punker den Abend in Neuruppin im Spätherbst eröffnen wird – nach den besagten Wahlen. Für Auswandererpläne hat er selbst gar nichts übrig.

Fotos: VJS
Man muss nicht NIUS einschalten, um es mit größten Flachheiten zu tun zu bekommen. Man kann auch Stefan Aust lesen. Also, was ihm heute entfährt. “Die Bundesrepublik hat de facto keine Grenzen mehr”, heißt es in dem Beitrag des Herausgebers im Sammelband über die Schwierigkeiten im Umgang mit der AFD. Hat er bei Weidel abgekupfert?
Als Zweiter im Bunde der Buchmacher weiß Rafael Seligmann: “Die reelle politische Brandmauer hat versagt. Sie war nicht in der Lage, das fortwährende Anwachsen der AFD zu zu unterbinden. Im Gegenteil.” Seligmann formuliert differenzierter als Aust. Der Priester und Dozent Thomas Schwartz setzt mit seinem Beitrag “Der Wähler ist der Täter” Maßstäbe. Tatort: die Urne. Oder ein Schreibtisch. “Brandmauer” ist für ihn kein Begriff der Parteientaktik. “Brandmauern haben wir gegen alles zu errichten, was Bürgersinn, Menschenwürde und Zusammenhalt gefährdet”, schreibt er. Was er über “Brandbeschleuniger” notiert, zeigt unsere ganze Not im hochtechnisierten 21. Jahrhundert. “Wir brauchen eine Brandmauer nicht der Worte, sondern der Werte.” Und noch mehr: “Gemeinsame, geduldige, gewissenhafte Arbeit am Gemeinwohl.” Da wird Monchi sagen: “Sag’ ich doch!” Aber was, wenn die Heimatvereine, die Eventinitiativen, die Ortsvermarkter mehrheitlich AFD-Geist versprühen? Von den Dilemmata demokratisch fundierter Politik handeln die Beiträge von Reiner Haseloff und Robert Burdy, von Sigmar Gabriel, Christian Ude und Theo Waigel. Letzterer möchte nicht nur anspornen, sondern auch “Brandstifter zur Rechenschaft ziehen”. Wie frisch das Werk ist, zeigt die Bemerkung, die Entlarvung der Rechtsnationalisten sei in Ungarn gelungen. Und am Ende: “Jeder Bürger muss im beruflichen und privaten Bereich für diese Demokratie so einstehen, als ob die Demokratie und ihr Bestehen von ihm abhängig sei.”
Und die Bürgerin und die Bürgerinnen? Gendern ist unter Aust/Seligmann nicht angesagt. Okay. Die Sprache hat der Worte viele. Aber womöglich wäre es wirkungsvoller, wenn auch Leserinnen sich nicht nur mitgemeint fühlen dürften. Selbst Margot Käßmann spricht als Christin nur von “Christen”. Ein Beitrag, der zeigt, wie weit die brennenden Probleme ausgreifen, geht gegen den Fundamentalismus an. Der Titel ist furchtbar lang, der Inhalt wahnsinnig wichtig: “Die Verweigerung der Auseinandersetzung mit dem eigenen Extremismus im Islam und Christentum”. Mouhanad Khorchide erinnert daran, dass sich Kreise in der AFD auf “christliche Werte” beriefen und das “christliche Abendland” aus dem nicht-christlichen Morgenland gefährdet sehen. Der Islamismus wird in den Fokus gerückt und die Weigerung muslimischer Kreise, über Extremisten zu sprechen, die ihr Wirken im Koran begründet sehen. Der Autor will Streit, Diskurs, Gespräch. Eine institutionelle Brandmauer könnte dem entgegenstehen. Auf einem anderen Blatt steht für den Religionswissenschaftler die Brandmauer “zwischen Argument und Gewalt, zwischen Kritik und Entwürdigung, zwischen demokratischem Streit und autoritärem Denken”.







