“Zunehmende Trübung” von Björn Kröger erhellt und kann sogar erheitern

Glasklar war der “Stechlin” gewiss noch nie. Schon gar nicht zur Zeit völkischer Inanspruchnahme nach 1933. Vielmehr soll der Name des Brandenburger Sees auf die Zeit der Slawerei zurückzuführen sein. Björn Krögers Essay “Zunehmende Trübung” hat den Untertitel “Geschichte eines klaren Sees”. Schrift, Karten und paar doppelseitige Foto sind eingebläut. Judith Schalansky hat das Manuskript mal “durchgesehen”. Es liest sich nicht leicht. Aber die Lektüre ist erhellend, teils sogar erheiternd. Ganz ohne Fontanes letzten Roman geht’s natürlich nicht.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Der Naturgeschichtsforscher Björn Kröger ist am Stechlin aufgewachsen und später im Kernkraftwerk Rheinsberg als Techniker werktätig gewesen. Der Autor spannt einen weiten Bogen von der Eiszeit bis in die Gegenwart. NS-Zeit und DDR-Jahrzehnte bringen massenweise Menschen in die Region, speziell nach Neuglobsow. Biografisches bleibt die Basis, bis zur zeitweiligen Wiederkehr vor paar Jahren. Kröger lebt und schafft schon länger in Finnland. Was Fontane angeht, gibt es den ehrlichen Hinweis, den Roman “Stechlin” seinerzeit zunächst nur begonnen zu haben. Keine Lektüre für junge Leute! Anders die Lyrik rund um den See. Davon bekommen auch die Lesenden Kostproben.
“Der unvergängliche Stechlin ist schwer beschädigt, er ist zu einem Sanierungsfall geworden”, diagnostiziert Kröger gegen Ende. Er ist sich sehr sicher: “Er wird nicht mehr der Alte werden.” Das wirkt fatalistisch. Und doch hat das Buch offene Seiten, schon durch das bereits lange währende Engagement rund um den Stechlin gegen ökologische Blindheit oder ökonomische Besessenheit. Masseneinschlag ist ein Thema, forstwirtschaftlich betrachtet und tourismuskritisch. Inzwischen selbst Tourist, ist der Autor nicht für eine Nulllösung. Er versteht es, die bereits getroffenen Schutzmaßnahmen im Rahmen von Landes-, Bundes- und EU-Politik zu skizzieren und zu relativieren. Die schwarze Eule als Signum des Naturschutzes stammt ja noch aus der DDR. Sie schaut schon über 50 Jahre mahnend und warnend. Kröger sieht sie gern.

Und wie stellt sich die Lage in Linum dar im Luch an einem Sommertag 2026?
Fotos: VS

Die schon lange währenden Aktivitäten von Wasserforschern, Gewässerkundlerinnen und ganzheitlich ausgerichteten Ökotopisten werden so eingefügt, dass der Laie sich begleitet fühlt. Etwas Fachvokabular ist unvermeidbar. Die KKW-Jahrzehnte zeigen, wie unterbelichtet man sein kann. Und es mangelt bei Kröger nicht an Impulsen, über die eigene Naturwahrnehmung und die Wirkkräfte nachzusinnen. Tagtäglich. Angelnde werden das Werk anders lesen als Fischliebhaber. Wandernde anders als Schwimmende. Geschäftemachende anders als Pilgernde. Einheimische anders als Touristen. Vom Klimawandel ist mehrfach die Rede. Vor Verdunstung schützt eben Verschmutzung oder Eintrübung nicht.
“Du wirst von deinem Zauber nichts verlieren”, war sich die Lyrikerin Lori Ludwig in “Stechlinsee” noch sicher, als auf dem “Bitterfelder Weg” recht ungetrübte Verse daherkamen. Heinz Kahlaus “Ohnmacht” klingt da schon anders. Gern würde die besorgte Stimme Kindern sagen können: “Euch werden die Wasser nicht giftig.” Die Angesprochenen haben womöglich längst selbst Enkel. Kröger klebt nicht an Bildern der Zuversicht, wenn es um junge Menschen von heute geht. “Die Jungen werden den sommerlichen Gesang der Feldlerche nicht vermissen, weil sie es nicht anders kennen.” Der Autor weiß: “Der Stechlin ist heute bereits wärmer, als er in den 1970er-Jahren noch während des Kraftwerkbetriebes war.” Algen allüberall. Das Stichwort Algenernte fällt. “Am Stechlin müssten sich die Beteiligten auf die Geschwindigkeit des Sees, auf seine Zeit einlassen”, denkt Kröger im Schnitt von Lokalem und Globalem. Irgendwie liebt er seine ursprüngliche Heimat. Auf Schildern wird am Stechlin die “Sichttiefe” angegeben. Eigentlich auch ein Kriterium für Literatur dieser Art. Sie nimmt zu im Verlauf der Lektüre von “Zunehmende Eintrübung”. Klar, dass das alles andere als trockene Werk aus der Reihe “Naturkunden” im Verlag Matthes & Seitz derzeit in der Fontane-Buchhandlung in Neuruppin im Fenster steht.

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