Kein Kondensstreifen: Himmlisches Stimmungsbild aus dem Temnitztal.
Wege entstehen beim Gehen, wusste Franz Kafka. Der Autor Björn Kern versucht es lieber erstmal mit einer Gleiswanderung. In der Fontane-Buchhandlung wird er am 18. Mai aus dem Werk “Im Freien” lesen. “Willkommen im Bauch der Maschine”, hat Alexander Rudolfi im Gepäck. Die Maschine ist ein Flugzeug. Es geht nach Sizilien. Für den Temnitzschreiber 2025 ging es auch um Naturerleben in hiesigen Breiten. Mit tiefen Empfindungen? Die Tür der Buchhandlung öffnet sich früh genug, auf dass die Lesung der beiden Autoren um 19 Uhr beginnen kann.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Wanderungen durch das Land Brandenburg”, hätte Kern sein “Aufgeklärtes Staunen” auch nennen können. Aber wenn man im Oderbruch heimisch geworden ist, muss es vermutlich nicht täglich ein Hauch Fontane sein, um Orientierung zu finden. Das Blattwerk ist erst kürzlich erschienen. Wir erfahren, was innere Zerrissenheit im Wohlstandsland ausmachen kann: “Ich soll tun, was schlecht für mich ist. Es wird gefördert, was mich zerstört.” Auf der Suche nach einer Flussperlmuschel findet der Erzähler neue Zugänge zum Leben. Mit Tun und Lassen könnte man es noch etwas genauer fassen.

Fotos: VHS
Johann Gotfried Seume hat den Weg nach Sizilien noch per pedes gewagt. Das ist keine Mopedmarke. Man schrieb das Jahr 1802. Alexander Rudolfi hat sich für eine Flugreise entschieden. Deshalb das Wort vom “Bauch der Maschine”. Er mag es bei aller Reiseprosahaftigkeit doch gerne etwas lyrischer: “Die sinkende Sone war gelb in die Felder des Festlands verwoben, und Salzgeruch flog uns um die Nasen…” Und im Temnitztal? Man wird hören, welche Spuren die Schreiberzeit hinterlassen hat. Nature Writing ist Programm. Es geht den Verantwortlichen um “eine genaue Erkundung der Natur und Landschaft auf literarisch anspruchvolle Weise”. Alles Weitere aus dem Nahbereich der Neuruppiner bei “Fontane”.
Wer “Werg” für einen Rechtschreibfehler hält, ist bei Rudolfi gut aufgehoben. Sein gleichnamiges Buch aus dem Jahr 2025 ist verwegen. Man kann stolpern. Im Untertitel heißt es: “Versuch, das Haus einer Kindheit zu errichten”. Von “Müll aus tausendjährigem Plastik” ist auch die Rede. “Müll im Mariannengraben”. Das ist nicht der Name der Nachbarin. Und was ist überhaupt Müll? Von Rechts wegen lässt er sich definieren. Und sortieren. Und dann? Mal etwas wie von Paul Celan: “Sing, Garten, mir das Elektronenherzflackern der Milde.”
