Von zwei Autoren, die auszogen, um sich im naturnahen Schreiben zu üben

Alexander Rudolfi kam nach Katerbow. Idylle sollte sein Thema sein. Björn Kern zog es ganz nah an die Oder. Die Geheimnisse der Flussperlmuschel wollte er ergründen. Es entstand naturnahe Literatur. Was man sich darunter vorstellen darf, erfuhren die Gäste in der Fontane Buchhandlung durch Lesung und Gespräch. Eric Engelbracht vom Verein Temnitzkultur moderierte.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Es ist üblich, dass man sich mit einem Projekt bewirbt, wenn man Temnitzschreiber oder Temnitzschreiberin werden will. In diesen Tagen, so Eric Engelbracht vorab, habe eine Jury über 40 Bewerbungen aus ganz unterschiedlichen Ländern zu entscheiden. Stets geht es um naturnahes Schreiben. Man darf sich, getragen von einem Stipendium, drei Monate lang von der “Schönheit und Abgeschiedenheit der Temnitz-Region verführen lassen”. Die Temnitze kooperieren mit dem Berliner Verlag Matthes & Seitz.
Im Jahr 2025 wurde Alexander Rudolfi aus Hannover ausgewählt. Er muss mit dem PKW angereist sein – ab Braunschweig über Landstraßen. Was er als Blogger notierte, wurde zum Teil vorgelesen. Bunte Wiesen prägen die Eindrücke noch vor der Autobahn A 24, auch Kornfelder, auch Mohnblumen. Doch dann “die Windräder, die sich zäh und träge und lautlos bewegten”. Gemischte Gefühle. Mit der Risikogesellschaft hatte der Autor sich, wie man nun in einem Sammelband aus fünf Jahren Temnitzschreibkultur nachlesen kann, in seiner Bachelorarbeit beschäftigt. “In Arkadien” nennt Rudolfi seinen Beitrag. Der geistige Weg in die Idylle ist von griechischer Mythologie eingerahmt. Es winkt ein Goldenes Zeitalter aus der Antike herüber. Wie golden, wie idyllisch, wie befreiend die drei Monate waren, blieb in der Buchhandlung noch offen. Die vielfach besungene romantische “Waldeseinsamkeit” wird nicht zum zentralen Motiv. Erstmal geht es sowieso in die Stadt, also nach Neuruppin, also auch in die Buchhandlung. Davon wurde nicht vorgelesen. Aber von Prometheus und Zeus, von der Kraft des Feuers – kurz: Ambivalenzen und Polyvalenzen von A bis Z.
Während es primär Nachdenklichkeit war, die Rudolfi mit “Arkadien” und Auszügen aus seinem Sardinien-Roman “Willkommen im Bauch der Maschine” weckte, wusste Björn Kern durch eine Passage seines Werks “Aufgeklärtes Staunen” große Heiterkeit zu erzeugen. Um ein unmittelbares, ein weniger schädliches, ein womöglich sogar verantwortbares Verhältnis zur Natur zu erreichen, scheint eine fundamentale Veränderung unseres Lebensalltags vonnöten. Man wisse ja, was “das Richtige” ist, so der belesene Mann aus dem Oderbruch, der wie nebenbei von der “Verlogenheit des Diskurses” spricht. Palmwedel für Alice Weidel? Mitmachen beim politischen Abrissunternehmen? Nein. Locker bleiben. Weiter im Werk: “Der Mensch, der alles richtig macht, fliegt niemals Kurzstrecke, dafür gern Langstrecke.” Und: “Am Flughafen trennt er seinen Reisemüll.” Das geringere Übel wird schon nicht so schlecht sein. Wer andere schöne Beispiele verzweifelter Redlichkeit sucht, liest ganz hinten im Buch, dass Matthes & Seitz in Polen drucken lässt. Das hat bestimmt rein ökologische Gründe. Brieftauben erledigen den Transport.

Die beiden Autoren im Gespräch mit Eric Engelbracht.

Die Gäste erfahren nebenbei, dass die Vaterrolle Björn Kern bewusst gemacht hat, wie sehr moralisiert werde in Kinderbuch und Tierfilm. Wie viele Kinderbücher bei “Fontane” von diesem recht pauschalen Seitenhieb nicht getroffen würden, war an diesem Abend kein Thema. Und die Geheimnisse der Flussperlmuschel blieben weitgehend gewahrt. “Aufgeklärtes Staunen” empfiehlt der Autor angesichts von so viel aufgestautem Klärungsbedarf und so großer Verantwortung unter dem demütig betrachteten “Himmelszelt”. Ob es “Ölkäfer” wirklich gibt? Also nicht aus Wolfsburg oder dem Geschichtsbuch.
Wer sich naturnahes oder naturverbundenes Schreiben als Federstrich in freier Natur vorstellt, etwa wie Zeichnen nach der Natur, wurde von den beiden Autoren darüber informiert, dass es für sie in der Natur um Betrachtung und Beobachtung geht, um Inspiration und gerne auch um Wundersames. Draußen wird vielleicht ein Zettel mitgeführt, daheim wird recherchiert. Mal in Büchern, mal im Internet. Naturnahes Lesen ist da etwas einfacher.
Das zart beseitete (!) “Werg” von Alexander Rudolfi enthält ein Glossar. Wer dächte denn schon, wenn dieser mit Metaphern und Chiffren geschmückte “Versuch, das Haus einer Kindheit zu errichten”, studiert wird, bei dem (!) Speis an Mörtel? Kleine Kostprobe? “Mische Kies, Kalk, Fruchtwasser und Sand mit dem Zement / gezähmter Zeichenlehren, um Speis zu rühren an, der sich / zwischen schmiegt, den Ziegelsteinen.” Fruchtwasser? Marke “Sanfte Säfte”, vierte Reihe im Supermarkt, zweites Regal, Augenhöhe? Oder wirklich Existenzielles?

Einfach zu erwerben und auch naturnah zu lesen: die Werke.
Fotos: VHS

Ein dankbarer Applaus erfreute am Ende die beiden Autoren und den Moderator. Alexander Fries vom Fontane-Team, der selbst auch zu jener Jury gehört, vergaß nicht, auf die nächsten Termine hinzuweisen, etwa den 12. Juni 2026 mit Christoph Peters als Gast. Man feiert 35 Jahre Fontane-Buchhandlung in Neuruppin. Peters wird aus seinem Roman “Entzug” ausschenken…

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