Gestörtes Stillleben mit Verfallsdatum.
Weltrekord – das wirkt nicht eben bescheiden. Erneut sollte eine Birne durch Aufreihung von Menschen im Umriss gezeichnet werden. “Herr von Ribbeck” steht Pate. Theodor Fontane steht im Geiste daneben. Wie viele Personen da wirklich standen auf dem Schulplatz am langen Einzelhandelstag in Neuruppin, würden Juroren schnell klären können. Aber es gibt keine Konkurrenz. Dabei hat Obst in der Weltliteratur und in der Welt gelegentlich durchaus besondere Aufmerksamkeit gefunden.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Herr von Ribbeck” ist eigentlich ein Gleichnis. Es geht um unermessliche und ewig anhaltende Güte. Jesus lässt grüßen. Die Feudalordnung wird dabei von Theodor Fontane nicht in Frage gestellt. So weit war er noch nicht. Sein Zeitgenosse Karl Marx war da weiter. Aber der balladierte nicht. Statt Geschenkaktion des Einzelhandels für besonders Bedürftige also eine humorvoll angelegte Imagekampagne mit dem Ziel, Größe zu zeigen und Beachtung zu finden durch einen Weltrekord. “Alle guten Dinge sind drei”, das war als Parole zugleich das Schlusssignal.

Man könne Äpfel und Birnen nicht vergleichen, weiß der Volksmund. Man kennt von ihm noch größere Dummheiten. Richtig ist, dass der Apfelschuss in Friedrich Schillers Drama “Wilhelm Tell” für Unmenschlichkeit steht. Mit Armbrust und Pfeil auf einen Apfel zielen lassen, der auf dem Kopf des eigenen Sohnes platziert ist! Darauf kann nur ein Gessler kommen, ein Vorfahre von Goebbels, ideologisch betrachtet. Aber welche Stadt, welcher Ort oder welcher Kanton der Schweiz nimmt das Heldenstück für sich in Anspruch? Da könnte ein Wettspiel um Größe entstehen.

Foto 1, 2 und 3: VHS
Größe bringt Aufmerksamkeit. Erika Mann aus Bechlin ist in dem 2017 erschienenen Sammelband “Im Konsum gibts Bananen” in Gegenrichtung unterwegs. Sie erzählt davon, welche Angst sie Mitte der 50er-Jahre hatte, mit Bananen aus Westberlin in der S-Bahn am Kontrollbahnhof erwischt zu werden. Eine unsichtbare Banane wäre ideal gewesen. Ein Geniestreich, ein Zauberstück. Ein Event wie rund um die Birne lässt sich daraus schlecht machen. Bleibt abzuwarten, ob irgendein Gemeinwesen in der Obstwelt die Herausforderung annimmt und mit Neuruppin ringt um den Weltrekord im Obstkorb.
Im Jahr 2030 würde Helmut Kohl 100 Jahre alt werden. Es wäre nicht bösartig, mit einer platzgreifenden “Birne” an den Kanzler der Einheit zu erinnern, den nicht nur Karikaturisten so zeichneten. Zugleich wäre es eine Gelegenheit, die aufgeblühte Stadt Neuruppin zu zeigen, ohne zu vergessen, wo von “blühenden Landschaften” im Osten immer noch keine Rede sein kann.
