Ein betagtes Schreibtalent in Schönberg – Wahn oder Wirklichkeit?

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Es gibt nicht nur ein Schönberg. Und es gibt Schöneberg. Irgendwo in Berlin. Bernd Cailloux lässt in seiner kürzlich erschienenen Novelle “Auf Abruf” zunächst keinen Zweifel daran, dass es um Schönberg in der Mark geht, den Ortsteil von Lindow. Um die alte Kirche, ein Haus der Gemeinde, eine Bücheraktion und Nahtoderfahrung. Es gäbe ziemlich viele Gründe, den nicht ganz unbegabten 1945er mal zu einer Lesung einzuladen.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Aus Solothurn würde der in Berlin lebende Erzähler lieber angerufen werden, das verhehlt er nicht. Die Literaturtage werden nicht nur von Preisträgern gepriesen. Nun aber ist es ein Herr Ziemer, der den Bücherschreiber in Schöneberg anruft, aus Schönberg, aus der Mark. Da lässt sich gut scherzen: “Eine lustige Buchstabenlücke, von Schönberg nach Schöneberg, da sind wir Dörfler ja unter uns.” Der namenlos Bleibende, aber anscheinend keineswegs völlig Unbekannte wird eingeladen zu einem Bücherbasar. In jedem Jahr eröffne irgendein Autor die Aktion. Gerne auch mit paar eigenen Werken auf einem der Spendentische im Kulturzentrum.
Als Novelle bezeichnen Autor und Verlag die 120 Seiten. Man lässt sich wohl immer noch leiten von der Schulbuchdefinition eines gewissen J. W. Goethe, irgendwann geadelt und selbst eher zu Überlänge neigend, besonders bei mehrteiligem Bühnenstoff mit Mannsbildern. “Auf Abruf” ist wirklich eine Novelle. Eine Tolle – voller Leben, so todesnah. Da scheint es angesagt, nicht zu viel zu sagen. Bleiben wir also weitgehend in Schönberg.

Ein ernster Blick – kein Selfie in diesem Hemd: Bernd Cailloux bei Suhrkamp.
Suhrkamp Verlag bei Radio 3 bei rbb

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Zunächst aber hinein in den Tiergarten. Da spielt der ältere Mann manchmal Fußball mit anderen aus der Risikogruppe. Ein plötzlicher Schwächezustand hat nicht im Kicken seine Ursache. Im Cafe, wo regelmäßig Freundschaft gepflegt wird, wohl auch nicht. Der anstehende Trip nach Schönberg sollte vielleicht um ein paar Tage verlängert werden, erholunghalber, nach der Pflichtübung. Die Prignitzer Seenlandschaft lockt. Ein Fahrrad fände sich sicherlich.
Gedacht, gemacht. Nur aus der Radtour wird nichts, das sei schon verraten. Er überlegt, was man da sagt, wenn man beim Basar unter “entromantisierten Großstadtflüchtlingen und knorrigen Leuten vom Land” das erste Wort hat nach diesem Herrn Ziemer, der wohl schon am Telefon mit einem schönen Zimmer lockt. Auf jeden Fall mit einem schönen Abendessen danach im Restaurant am See, Stichwort “Stadt der drei Seen”.
Ob bereits hier geografische Grenzen verrutscht sind? Geodäten und Historikerinnen werden dem Fall sicher gern nachgehen, dieser Autofiktion mit Anreise per Bahn bis nach Schönberg, wo’s angeblich sogar mal eine Buchhandlung gab. Ein Schriftzug zeuge davon. Aus Lindow paarhundert Meter rechts vom Rathaus kennt man das irgendwie als Büchermensch schon, heute Bestattungen.
Eine Badewanne droht dem Erzähler in seinem schönen Schönberg zum Verhängnis zu werden. Nach Rede und Rundgang. Ohne Restaurantbesuch. Unpässlichkeit hindert. Er hat bald Gründe, in der Wanne über Jean Paul Marat, Uwe Barschel und Jim Morrison nachzudenken. Warum nicht über Rudi Dutschke? Keine Ahnung. Die Lage des alten Literaten lässt Belesene sicher auch an Franz Kafkas “Die Verwandlung” denken. Es ist schlimm. Man möchte nicht tauschen. Keine Sekunde.

Einladen(d) – oder? Luftaufnahme in Lindow, Haltestelle am Marktplatz.
Foto: VHS

Aber weiterlesen. Unbedingt. Nur nicht in einer Wanne. Bloß nicht! Das wäre dann schon die kaum vermeidbare Bühnenfassung mit “Schwester Esther, einer gebürtigen Estlin”. Kabel, Schläuche, Geräte. Esther als Mensch unter Maschinisten. Und er, der ältere Herr, nicht mehr Herr seiner selbst. Bestens Intensivstationstheater mit bedachter unbedachter Lebensphilosophie.
Diesen Cailloux mal nach Lindow einladen in das Bürgerhaus Alte Schule? Ein Hotelzimmer mit Badewonne für mindestens eine Nacht, das müsste doch möglich sein. Zur Not nur Dusche. Zur Begrüßung vor vollem Haus ein Zitat? “Schmus” aus dem Buch? Eben Schönberger Schönsprech, Bernd Cailloux, hier mal ganz Filou: “Bücher können Freunde werden.” Ja, sogar Geliebte…

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