Gesang voller Dank, Jubel, Angst, Sorge und Zuversicht in der Klosterkirche

Vom himmlischen Jerusalem wurde gesungen in der Klosterkirche. Lob, Preis und Dank wurden angestimmt am Himmelfahrtstag. Das irdische Jerusalem muss dagegen nicht in Politprosa ausgespielt werden, doch es gibt derzeit im politisch-historischen Kontext eher Anlass zur Sorge. Der Berliner Vokalkreis unter der Leitung von Johannes Raudszus und der Organist Stefan Kießling hätten immer wieder Applaus verdient gehabt für ihre Darbietungen, doch angesichts der religiösen Bedeutung dieses Tages hielten sich die vielen Gäste zunächst zurück. Dafür gab es am Ende kein Halten mehr – nach einem Moment der Stille.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Jerusalem ist eigentlich die Stadt der Weltreligionen. Auch Moslems wandten sich einst zum Gebet nicht nach Mekka, sondern in Richtung auf diese Stadt. Als Gemeinwesen der Juden oder als Gemeinwesen der Christen wäre sie nur unvollkommen charakterisiert.
“Bittet für den Frieden Jerusalems!”, hieß es dann auch schon im ersten Lied von Charles Hastings Parry. Die englische Sprache prägte das Konzert. Doch “Dona nobis pacem” sang der Chor mit besonderer Hingabe, variiert und intensiviert. Das Flehen wirkt glaubwürdig, die möglichen Anlässe sind vielfältig. Und Stefan Kießling hat als Orgelspieler ein feines Gespür für die Begleitung, die dieser wunderbare Chor braucht. Mal unterlegt er nur, langsam und fließend, mal stürmt er vornweg wie mit Tuba, Flöten und Trompeten. Ein Solo gab ihm Gelegenheit, ganz allein zu glänzen. Und wieder Andacht, Ruhe, Stille, wieder kein Applaus. Es ist Gottvatertag. Und unweit vom Ruppiner See und vom Rhin geht es noch ans Wasser. Mehrstimmig singen die Lautkünstler, als säßen sie “an den Wassern zu Babel und weinten”. Die Formation als Chor lässt nicht vergessen, dass Schmerz und Leid zunächst individuell erlebt werden. Das ist so. Johannes Raudszus hat kein Orchester vor sich. Er kann melodisch agieren, sich einlassen auf den Zauber des Gesangs und die Stimmen noch bestärken, kein Solist in der Menge muss einen Wink erhalten oder etwas Ermutigung. Und mit diesem Kießling klappt es anscheinend wie von selbst. So bekommt das Konzert mal Züge einer Andacht, mal wirkt die Darbietung wie eine Feierlichkeit. Im Glauben verbunden, von der Kraft der Musik überzeugt und an der Welt interessiert. Aus Verantwortung vor Gott.

Berührend: Stefan Kießling mit einer Komposition von Gustav Adolf Merkel.
Fotos: VHS

Eine solche Veranstaltung ist dem Leben nicht enthoben. Es gab ganz plötzlich Grund, einer Besucherin des Konzerts gesundheitlich Beistand zu leisten. Sofort waren Helfende zur Stelle. Besorgnis und Verbundenheit der Versammelten waren zu spüren. Leichte Erleichterung auch. Während moderne Theaterregie heute nicht eben selten mit Sonderbarkeiten versucht, Schreckwirklichkeit zu erzeugen, ist im Gotteshaus ohnehin klar, dass es nur das Ganze gibt, das Eigentliche und das Transzendente – wann mehr als zu Himmelfahrt!
Matthias Noack hatte mit Worten aus Psalm 19 eingeführt. Der Blick wurde geweitet für die ganze Schöpfung – eben für Gott und die Welt, für Himmel und Erde und alle Geschöpfe. Wunderbar, dass darunter auch Begnadete sind wie der Berliner Vokalkreis und der Orgelspieler Stefan Kießling, die den Geist von Himmelfahrt Musik werden lassen, dem Irdischen verbunden, aber zu Größerem berufen.

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