Antifaschismus an der Bushaltestelle – denkwürdig oder gedankenlos?

Die Bahngleise, das Tor zur Hölle – das Foto aus Auschwitz ist zum Symbol des Holocaust geworden. Nun kann man an einer Bushaltestelle zwischen Neuruppin und Alt Ruppin kaum daran vorbeischauen, auch wenn man nur vorbeifährt. Verantwortlich zeichnet die Antifaschistische Aktion. “Erinnern heißt Kämpfen” ist die Parole.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Gegen Faschismus!” geht es. Wohin der Nationalsozialismus geführt hat, das ist in Zahlen nicht fassbar. Führende Nazis nannten es “Endlösung” – seit der Wannseekonferenz Anfang 1942 systematisch betrieben und als Verbrechen an Millionen Menschen vom Säugling bis zum hochbetagten Menschen zumeist jüdischen Glaubens bis heute ohnegleichen. Geschützt sind die Fotos nicht und es spricht viel dafür, das Erinnern nicht museal zu reduzieren. Aber ein Plakat dieser Art an dieser Haltestelle? Hier am Oberstufenzentrum kann man sicher sein, dass viele Menschen die Plakate wahrnehmen, darunter sicherlich auch Geflüchtete. Mit ihrem Gedicht “O die Schornsteine” hat die emigrierte jüdische Lyrikerin Nelly Sachs ein anderes Symbol aufgegriffen. Was in Kulmhof mit Abgasen von Lastwagen als deutsche Vergasertechnik begann, wurde mit Öfen nicht nur in Auschwitz-Birkenau weiterentwickelt.

Jüdische Kinder auf dem Weg zu einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau.
abfotografiert aus dem Begleitmaterial zur Ausstellung.

Am Museum Neuruppin ist auch eine Haltestelle. Sie ist frei von Plakaten. Im Museum wird bis zum 9. März 2026 die Ausstellung “Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte” gezeigt. Der Leidensweg von Anne und Margot Frank führte auch über das KZ Auschwitz. Er endete im KZ Bergen-Belsen im Winter 1944/45 mit dem Tod der Schwestern. Es gehört zum Konzept der Verantwortlichen vom Anne-Frank-Zentrum Berlin, mit jungen Menschen über heutige Gefährdungen der Menschenrechte ins Gespräch zu kommen. Und über das, was Erinnerungskultur ausmacht. Vielleicht wird die Plakataktion auch zum Thema?
Im Museum selbst sind Fotografien zu sehen, die jüdische Kinder aus Ungarn auf dem Weg in die Gaskammer zeigen. Ein erschreckender Anblick. Ein Anliegen der Ausstellung ist es, die Entwicklung zuvor einzubeziehen. Der Antisemitismus hat schließlich viel weiter zurückliegende Wurzeln. Und zur Perversion gehört, dass die Nazis das deutsche Volk als bedroht darstellten. Man sah sich in Verteidigungshaltung gegenüber Juden, Sinti und Roma, gegen die Kunst der Moderne und die Idee ungeteilter Menschenrechte. Die Parole: “Deutsche! Wehrt Euch!”

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