Zwei Peer Guides im freimütigen Gespräch mit Christine Wehner. Foto: VHS
Dem Anliegen, möglichst vielen Menschen vom Leben und Sterben der Anne Frank in Wort und Bild zu erzählen, gilt die Wanderausstellung “Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte”. Sie ist nun bis um 9. März 2026 im Museum Neuruppin zugänglich. Zur Eröffnung hatten sich zahlreiche Interessierte eingefunden, darunter auch Jugendliche aus verschiedenen Schulen. Denn der Versuch, Peer Guides für die Mitwirkung zu gewinnen, war überaus erfolgreich.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Als Vertreter der Stadt Neuruppin bezog Mario Zetzsche in sein Grußwort das Statement irgendeines Unmenschen ein, der nach einem Besuch im Anne-Frank-Haus in Amsterdam kommentierte: “Lohnt sich nicht. Anne ist nicht hier.” Im Saal beklommene Stille. Die erinnerungspädagogische Arbeit von Einrichtungen wie dem hier verantwortlichen Anne-Frank-Zentrum Berlin, das durch Christine Wehner vertreten war, findet eben nicht in weltfernen Diskursräumen statt. Oder auf den einsamen Höhen der inzwischen so umfangreichen Fachliteratur. Und genau deshalb, so Maja Peers als Leiterin des Museums, sei die Mitwirkung von Jugendlichen so wichtig. Vielleicht kann im März auf einer Finissage Bilanz gezogen werden?

Foto: VHS, in der Ausstellung abfotografiert
In Frankfurt am Main kam Anne Frank am 12. Juni 1929 als Tochter jüdischer Eltern zur Welt. Auf dem Gelände des KZ Bergen-Belsen erinnert man an ihren und ihrer Schwester Tod im ausklingenden Winter 1944/45. Die 761 Tage und Nächte in einer als Versteck genutzten Wohnung im von Nazideutschland besetzten Amsterdam finden in der Ausstellung besondere Aufmerksamkeit. Und das Tagebuch, durch das Anne Frank weltberühmt wurde.
Frank Jüttner vom Vorstand des Fördervereins berichtete in seinem Grußwort von seiner Erfahrung mit dem Werk. Wie seine Nichte, der er das Buch geschenkt habe, sei er selbst im Verlauf der teils gemeinsamen Lektüre dem Leben Annes immer näher gekommen. Ob eine so reich und vielfältig bebilderte Ausstellung mit nicht eben wenigen Textzeilen das auch vermag?
Materialien zur Vor- und Nachbereitung stellen die Veranstalter zur Verfügung. Die jungen Guides wurden zwei Tage geschult. Im Gespräch mit Christine Wehner machten zwei der Beteiligten deutlich, dass man sie nicht überreden musste zu diesem Engagement. Es sei ihnen persönlich wichtig, gerade weil es im Rahmen dieses Projekts auch um Dazugehörigkeit und Ausgrenzung in der heutigen Zeit gehe. Ob an der Puschkin-Schule oder an der Evangelischen Schule, ob bei “Fontane” oder am Oberstufen-Zentrum – auch auf Seiten der Lehrkräfte ist man offen für diesen Ansatz.

Foto: VHS, in der Ausstellung abfotografiert
Es werden im Museum Schubläden gezeigt, die aufgefächert sind unter Stichworten wie “Linke” und “Rechte”, “Muslime”, “Christen” und “Juden”, außerdem “Schwule” und “Migranten”, daneben “Rentner”, “Behinderte” oder “Gymnasiasten”. Die Redensart von den Schubläden für Klischees und Vorurteile, für Denkschablonen und Imagestempel ist ja im Zeitalter der Digitalisierung nicht etwa irrelevant geworden. Im Gegenteil.
Anne Frank fand Ausdruck für die äußerst bedrängende Situation. Einen Ausweg fand die Familie nicht. Der Verrat der Adresse blieb ungeklärt. Wie Anne in “Ode an meinen Füllhalter” dem Schreibgerät nachtrauert, ist beklemmend. Die 14jährige Jüdin beschließt ihren fiktiven Füllhalterbrief an Kitty: “Ein Trost ist mir geblieben, wenn auch ein magerer. Mein Füllhalter ist eingeäschert worden, genau, was ich später auch will. Deine Anne”
