Die Kulturjournalistin und die Debütantin im Gespräch.Foto: VHS
Für Moderatorin Sieglinde Geisel ist es literarisches Neuland. Für am Thema Tiertransport schon etwas länger Interessierte ist “Wir Königinnen” nach Domenico Müllensiefens Roman “Manchmal muss man sich entscheiden” das zweite Werk in kurzer Abfolge, das die Lesenden mit in einen LKW nimmt, der dem Zweck dient, Tiere über weite Strecken zu transportieren. Gleichwohl liegen zwischen den Werken Welten. Belassen wir’s hier bei der Debütantin, die beim Europäischen Literaturfest Brandenburg zu Gast war und zu beeindrucken wusste.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die Erzählerin bleibt namenlos. Gleichwohl lernt man sie sehr gut kennen. Zu schreiben, das tut ihr gut. Das sagt auch die Autorin von sich. Doch es handelt sich nicht um Autofiktion. Die Tramperei und bisschen Vieh- und Veterinärkontakt reichen dafür nicht. Und Anna, die LKW-Fahrerin, hat meist keine Hand frei zum Schreiben. Nur tippen an ihrem Handy, das geht. Die Erzählerin hat ihr Handy weggeworfen. Herrlich! Wie modern dieser Stoff ist, sieht man schon daran, dass mit KI-Übersetzungen gearbeitet wird, denn die beiden Frauen verbindet keine Muttersprache. Etwas Englisch darf es auch immer wieder sein auf dem Roadtrip.

Foto: VHS
Im Alten Gymnasium, wo einst gewiss viel gebüffelt wurde, hörten die aufmerksam Lauschenden, wie sich die Frauen hochoben in den Alpen kennen lernen. Wie offenbar wird, was hier transportiert wird. Trächtige Kühe werden zum Zwecke der Zucht und Aufzucht von Frankreich in die Türkei gebracht. Plötzlich rückt die sensible Naturwahrnehmung der Erzählerin in den Hintergrund. Schade eigentlich. Mit ihr kann man paradox gut allein sein. Gmeinwieser ist eine stilsichere Poetin. Auch Kurzgeschichten könnte sie, so lakonisch, wie sie gelegentlich erzählt. Wie sie verknappt. Wie sie kappt. Doch bei einer nicht endenden Schimpfkanonade auf einer Raststätte merkt man ihr in der Rolle der Erzählerin an, dass sie sich überwinden muss, Anna zu folgen ins Unartige, ins Derbe.

Foto: VHS
Ob die beiden Frauen im LKW ein Herz für Tiere haben? Und die beiden am Tisch? So pauschal sicherlich nicht. Sieglinde Geisel greift ein Lob der Autorin gerne auf. In Fulda, wo sie einen Preis erhielt für den Roman, würdigte man, dass hier keine Aktivitistin am Werk ist. Keine Autobahnblockade in Sicht. Geklebt wird auch nicht. Aber das heißt nicht, dass Fragen von Tierwohl und Reisezweck völlig ausgeklammert werden. Mit den rechtlichen Bestimmungen in der EU hat sich die Autorin natürlich auch befasst. Und eben mit der Straßenwirklichkeit. Speisekarten mit fleischlosen Angeboten wurden zumindest im Alten Gymnasium nicht herangezogen. “Ich habe noch nie Rinderzunge gegessen”, lässt die Erzählerin verlauten. Es hatte Blickkontakt mit einer Kuh gegeben. Man ist hier nicht unter Menschen, nicht in Bus oder Bahn, nicht daheim oder bei Freunden, nicht auf einer Party, wenn es heißt: “Wieder starrt die Kuh mich an, als würde sie auf eine Reaktion warten.” Vereinzelt Heiterkeit im Raum. Auch beim Reizwort “Rinderwahn”! Am Ende dann viel Applaus für die Debütantin, die den Vorschlag, mal eine Lesung auf einer Raststätte zu veranstalten, gar nicht so schlecht findet.

Foto: VHS nach Nils Conrad, Kunstkiosk
Seit Anfang Oktober gibt es im Kunstkiosk in Neuruppin Infos und Anschauliches zum Thema “Vom Lebewesen zum langlebigen Kulturgut”. Das liest sich so: “Rinder sind seit mehr als 10.000 Jahren Arbeitskraft, Nahrungsmittel und Wegbegleiter der Menschen.” Schuhwerk wird auch ausgestellt unter sehenswerten Fotografien. Für “Königinnen” wäre gewiss auch etwas dabei. Die Leitfrage fehlt nicht: “Wie viel brauchen wir von etwas wirklich?”
Abseits dieser Augenweide lässt sich nach drei Tagen “Neben der Spur” sagen, dass mit dem Gebotenen die Freude auf das zweite Festwochenende noch wächst. Im Fall von Jens Sparschuhs Roman “Der Waldmeister” wird man sogar von Appetit sprechen können, geht es doch in eine Provinzküche.
