Text im Blick: Florian Bartholomäi, Henny Reents und Tom Wlaschiha.
Unterschiedlicher hätten die Darbietungen kaum sein können. Hier die Bühnenkünstler in der Kulturkirche, die meistenteils wohlbetont ablesen, was auf Blattwerk notiert ist, zumeist aus Fontane-Quellen. Da die Autorin eines Filmromans, die Rollengestaltung wagt bei ihrer Romanpräsentation im Alten Gymnasium, Filmausschnitte anbietet und auf den Tisch schlägt, wenn sonst nichts mehr hilft. Sie singt ein wenig, als wollte die Dietrich noch einmal in die ausschnittweise gezeigte Kinowelt entführen. Und vor dem Menschenbild und dem Kulturprogramm der Alternative für Deutschtümelei wird auch gewarnt von Angela Steidele. Nur ganz wenige Menschen gönnten sich am zweiten Tag der Fontane Festspiele gleich beide Kulturangebote in Gänze oder vom Langlauf wenigstens eine Stunde.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Vor über einhundert Jahren wäre Cornelia Ottinger womöglich Kinomusikerin geworden. Mal was anderes als die verbreiteten Klaviertöne zur Stummfilmzeit, mal Saxophonträumereien und Akkordeongesang als Ausdruck künstlerischer Vitalität. Beim Fontane-Lyrik-Projekt, für das wieder Frank Matthus verantwortlich zeichnete, bekam sie für ihre Imoprovisationen deutlich mehr Applaus zur Pause als Henny Reents, Florian Bartholomäi und Tom Wlaschiha für ihre Darbietung. “Die Preußen und die Liebe” lautete der Titel. Und Matthus fragt selbst im Programmheft, ob das womöglich nur eine dramaturgische Zusammenstellung sei aus dem Fontane-Kosmos, um ein abwechslungsreiches Programm zu generieren. Ja! Zumindest, was die erste Halbzeit anbelangt.
Ob im Vertrag steht, dass in der Fontanestadt eine gewisse Beschränkung erwartet wird, wenn es um Preußengrößen wie Joachim Zieten geht oder den Seydlitz, um Schlachten wie bei Düppel und Heimatliebe auf Soldatenart? Mal hochgucken dürfen sie, die Stimme leicht variieren auch, Handlungsverläufe zerlegen ebenfalls, Aufstehen ist erlaubt, aber bloß kein Theater! Keine Exzesse! Keine Possen! Aber immerhin Aktualität, als “Ikarus” in den Blick der Vorstellungskraft gerückt wird: “Wem jeder Sprung, auch der kühnste, geglückt, der fühlt sich dem Gesetz entrückt, er ist heraus aus dem Alltagstrott, fliegen will er, er ist ein Gott.” Das traurige Ende ist bekannt. Die Verlockung ist geblieben.

Drei eigene Werke hat Matthus, der als Schauspieler selbst mit Balladendramatik, Seelenschmerz und Liebreiz ganz anders umzugehen weiß, im Programm versteckt. Sicher “Kunst und Künstlichkeit”, voller Anspielungen auf Waffenerfindungen und offen für die Verwerfungen der KI-Welt. “Nicht von Fontane!”, ruft Google und bei Gutenberg weiß man auch nichts davon.
Wie der Theaterliebhaber Theodor Fontane in “Keith” die Welt der Schlachten und der Schauspielkunst mit Ironie ineinander greifen lässt, lässt an Wehrpflicht, Musterung und Kriegstüchtigkeit denken: “Das war die glänzende Gruppe, die Friedrich um sich schuf; es suchte für sein Theater Talente weit und breit, und siehe, gewinnen tat er auch Dich auf Lebenszeit.” Tom Wlaschiha schien es zu gefallen, dass er mit dieser Hausaufgabe drankam. Gut geübt! Was passiert, wenn die Fesseln der preußischen Marschmusik abgelegt werden, offenbarte Cornelia Ottinger mit ihrem Mix aus Melodien.

Abends dann: “Wir sitzen im Dunkeln.” Eher der erste Satz aus “Ins Dunkel” im Alten Gymnasium gelesen wird, erläutert Angela Steidele im Gespräch mit Nadine Kreuzahler ihr Konzept, ihre Perspektiven. Schreiben ist linear. Lesen gemeinhin auch. Betrachtung folgt nicht der Pixelspur, nimmt in der Regel mehr in den Blick als einen Punkt. Als Autorin lässt Steidele teilhaben an Kinobesuchen mit alten Filmen, führt in die private Welt der Diven ein und gestaltet aus Dokumentiertem ihre Fiktionen. Greta Garbo, Marlene Dietrich und Erika Mann stehen im Mittelpunkt. Ein Schlüsselsatz kommt nicht dran im Alten Gymnasium: “Die sogenannte Emanzipation der Frauenwelt ist ein Merkmal des Volksverfalls.” Gegen solche heute wiedererweckten völkisch-nationalistischen Parolen ist der ganze Roman konzipiert. Und anhand von Filmmaterial wird sicht- und hörbar, wie wagemutig die Damen waren. Herren wie Klaus Mann oder die Riege der Erfolgsregisseure wie Murnau und Sternberg werden eher spöttisch abgefertigt. An die Giganten der Internetwelt darf gedacht werden: “Der Tonfilm kommt, ob wir wollen oder nicht, und wir sollten ihn lieber gestalten, als ihn den Falschen zu überlassen.”

Fotos: VHS
Peter Böthig erinnerte daran, dass Bertolt Brecht mit seiner Radiotheorie einst die Utopie verband, aus möglichst vielen Empfängern der Radiowellen Sendende zu machen. Nicht bloß Beschallte. Was im Übergang zum 21. Jahrhundert auf Plattformen daraus geworden ist, wäre genug Stoff für einen ganzen Abend. Mit Angela Steidele ging’s schließlich nochmal ins Kino. Wieder die Garbo, die Leitfigur. Die Autorin nahm selbst in der ersten Reihe Platz. Nur eins vergaßen die im Filmglück Versammelten: “Licht aus!” Wir saßen bei Zimmerlicht, ließen uns aber spürbar gern ein auf die Schulraumkinobildwelt. Der lange herzliche Applaus ließ fast vergessen, dass doch erheblich weniger Menschen zugegen waren als am Vorabend.
