Hanna Poddig bei ihrem Vortrag über die Anastasia-Bewegung im Café Hinterhof.
Der Vortrag von Autorin Hanna Poddig im gut gefüllten Café Hinterhof zeigte, dass hinter den vermeintlich naturverbundenen Ideen der Anastasia-Bewegung weit mehr steckt als Selbstversorgung und Landleben. Anhand zahlreicher Originalzitate machte sie deutlich, wie tief antisemitische, rassistische und autoritäre Vorstellungen in der Ideologie verankert sind.
Von macron
Am 1. Juni war der Veranstaltungsraum des Café Hinterhof bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Zuhörenden befanden sich auch Anwohnerinnen aus Grabow bei Blumenthal, jenem Ort, der durch das Projekt „Goldenes Grabow“ bundesweit als eines der bekanntesten Anastasia-Siedlungsprojekte in Deutschland bekannt wurde. Zu Gast war die Autorin und Aktivistin Hanna Poddig, die ihr Buch „Hingeschaut – Die Anastasia-Bewegung“ vorstellte und dabei einen ebenso kenntnisreichen wie erschreckenden Einblick in die Ideologie der Bewegung gab.
Im Mittelpunkt des Vortrags standen die zehn Romane des russischen Autors Wladimir Nikolajewitsch Megre, auf denen die Anastasia-Bewegung basiert. Die zwischen 1996 und 2010 erschienenen Bücher erzählen von einer geheimnisvollen Frau namens Anastasia, die in der sibirischen Taiga lebt und über einen direkten Zugang zu einem allwissenden „Kosmos“ verfügen soll. Für viele Anhängerinnen und Anhänger haben diese Romane laut Poddig beinahe religiösen Charakter. Die Bücher würden nicht als Fantasiegeschichten gelesen, sondern als konkrete Anleitung für ein vermeintlich besseres Leben verstanden.
Besonders eindrucksvoll arbeitete Poddig heraus, dass die Bewegung keineswegs nur für naturnahes Leben, Permakultur und Selbstversorgung steht. Vielmehr seien antisemitische und rassistische Vorstellungen tief in den Texten verankert. So zitierte sie aus einem der Anastasia-Bände die Behauptung: „Da das schon mehr als ein Jahrtausend geschieht, kann man den Schluss ziehen, dass das jüdische Volk vor den Menschen Schuld hat.“ Poddig sprach von einer klassischen Täter-Opfer-Umkehr und machte deutlich, dass solche Aussagen keineswegs Ausrutscher seien, sondern sich durch mehrere Bände zögen.

Fotos: macron
Ein weiteres Beispiel betrifft die Verschwörungserzählung von einer angeblichen jüdischen Elite, die Banken, Regierungen und Medien kontrolliere. In den Büchern würden „einige wenige jüdische Priester“ als heimliche Lenker der Welt dargestellt. Poddig ordnete diese Passagen als unverkennbar antisemitische Verschwörungsideologie ein.
Ebenso deutlich wurde die rassistische Komponente der Bewegung. Die Bücher propagieren die Vorstellung einer „reinen Abstammung“ und eines angeblich ursprünglichen „wedrussischen“ Volkes. Besonders absurd erscheint dabei die sogenannte Telegonie-Lehre. Danach soll der erste Sexualpartner einer Frau dauerhaft Einfluss auf alle späteren Kinder haben – selbst dann, wenn diese mit anderen Männern gezeugt werden. Poddig zitierte aus den Büchern die Aussage, das „reine Erbgut des Urmenschen“ sei nur bei bestimmten Menschen erhalten geblieben. Diese Vorstellungen knüpfen unmittelbar an historische Rassenideologien an.
Auch das Frauenbild der Bewegung sei geprägt von Unterordnung und traditionellen Geschlechterrollen. In einem von Poddig vorgelesenen Ritual senkt die Frau „als Zeichen des Gehorsams“ den Kopf vor ihrem Mann. Gewalt in Beziehungen werde in den Büchern teilweise relativiert und mit angeblicher Liebe begründet.
Wladimir Megre selbst präsentiert die Romanfigur Anastasia bis heute vielfach als reale Person. Obwohl er in einem Gerichtsverfahren erklärte, es handele sich um eine Romanfigur, werde in der Bewegung weiterhin der Eindruck gepflegt, die Erzählungen seien tatsächlich geschehen. Laut Poddig trage gerade diese Vermischung von Fiktion und vermeintlicher Wahrheit wesentlich zur Anziehungskraft der Bücher bei.
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die Vernetzung der Bewegung. Die Anastasia-Szene sei längst nicht auf einzelne Landsitze beschränkt. Sie wirke über Telegram-Kanäle, Festivals, alternative Bildungsangebote, esoterische Seminare und zahlreiche Vereine. Gerade weil die Bewegung häufig unpolitisch erscheine und über Themen wie Gartenbau, Gesundheit, Naturheilkunde oder Kindererziehung Menschen anspreche, erreiche sie Zielgruppen weit über klassische rechtsextreme Milieus hinaus. Poddig warnte davor, Begriffe wie „wedisches Wissen“ oder entsprechende Bildungsangebote unkritisch zu betrachten, da sie oftmals als Einstieg in die Ideologie dienten.
Auch das Thema Bildung spielte eine wichtige Rolle. Die Bewegung bemühe sich seit Jahren darum, Kinder möglichst im Sinne ihrer Weltanschauung zu erziehen. Alternative Schul- und Bildungsprojekte, eigene Lernangebote und die Abschottung von staatlichen Bildungseinrichtungen seien Teil einer langfristigen Strategie, um die Ideologie an die nächste Generation weiterzugeben.
Besondere Aufmerksamkeit galt dem Projekt „Goldenes Grabow“. Nach Angaben aus dem Vortrag befinden sich dort rund 84 Hektar Land in privatem Besitz von Personen aus dem Umfeld des Projekts. Zwar werde öffentlich teilweise der Eindruck vermittelt, das Projekt spiele keine größere Rolle mehr, doch berichteten anwesende Grabowerinnen von weiterhin bestehenden Aktivitäten. Zudem verwies Poddig auf Verbindungen einzelner Akteure in rechtsextreme und verschwörungsideologische Netzwerke. Auch Kontakte zum sogenannten „Königreich Deutschland“ wurden angesprochen.
Am Ende des Abends blieb der Eindruck, dass die Anastasia-Bewegung weit mehr ist als eine harmlose Aussteiger- oder Selbstversorgerbewegung. Hinter der romantischen Vorstellung von Familienlandsitzen, Naturverbundenheit und Selbstversorgung verbirgt sich eine Ideologie, die antisemitische Verschwörungserzählungen, völkisches Denken, rassistische Reinheitsvorstellungen und autoritäre Geschlechterbilder miteinander verbindet. Hanna Poddig gelang es eindrucksvoll, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen – und den Blick hinter eine Fassade zu richten, die auf den ersten Blick oft harmlos erscheint.
