Amir Darabi vor der Gesprächsrunde im Café Hinterhof..
Beruflich hat Amir Darabi mit Grundschülern und Grundschülerinnen zu tun. Er ist Schulsozialarbeiter. Nach dem 6. Schuljahr kommen die Kinder auf eine weiterführende Schule in Neuruppin. “Selbst solch ein Wechsel will vorbereitet sein”, sagt er. In seinem eigenen Leben gab es ganz andere Zäsuren. Darabi ist 2015 aus dem Iran geflohen. Er gehörte dort zur kurdischen Minderheit.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Ich bin die Welle”, sagt Amir Darabi nicht ohne Bitterkeit. Im Jahre 2015, als er als Geflüchteter über die Türkei nach Deutschland kam, fanden Schlagworte wie “Flüchtlingswelle”, “Überflutung” oder als Rechtsextremfall “Tsunamie” Verbreitung. Das Gefühl, ein ärztlicher Behandlungs- oder Untersuchungstermin stehe ihm eigentlich nicht zu, kennt er auch. Merz lässt grüßen. Inzwischen als Kanzler fast zahnlos. Insgesamt aber, so Darabi, habe er im Alltag das Gefühl, in der Bundesrepublik angekommen zu sein. Ein Satz lässt besonders aufhorchen: “Als ich 2022 erstmals wieder im Iran war, hatte ich starkes Heimweh.” Er ergänzt: “Nach Deutschland.”
Im Politischen Salon ging es vor allem um die Lage der Kurden und Kurdinnen im Iran. Zum Vergleich zieht Darabi die Türkei, Syrien und den Irak heran. Was man schon weiß, was man meint, was man ahnt, was man empfindet bei dem komplexen Themenkomplex, können sich die Anwesenden in Selbstreflexion selbst bewusst machen. “Ich wollte Psychologie studieren”, sagt Amir Darabi. Woran mag das liegen, dass dieser Satz etwas Überraschendes hat? Psychologe im Iran? Ist das wirklich möglich? Wenn, dann bestimmt bloß die behavioristische Variante? Das Thema wird nicht weiter verfolgt.
Heute ist Schulsozialarbeit ein wichtiges Element moderner schulischer Sozialisation. Und Amir Darabi wirkt dabei gerne mit. Sein Lebensprinzip: “Die anderen als Menschen sehen und behandeln.” Und so möchte er selbst auch gesehen werden. Dass die Lebenswege der Menschen sehr unterschiedlich sein können, wird dabei gerade nicht verleugnet. Wie schwer es vielen Menschen in Deutschland fällt, Klischees zu überwinden, habe er selbst zwischen “Ossis” und “Wessis” gespürt. Für die Vision eines vereinigten “Kurdistan” stimme ihn das nicht sehr optimistisch.
Im Iran hat er als Kurde erfahren, was es heißt, aus ethnischen Gründen abgestempelt, benachteiligt und eingeschränkt zu werden, dabei aber unter einem erheblichen Assimilationsdruck zu stehen. Persische Sprache, persische Kultur, persische Identität – das ist der Dreiklang der Dominanz und der Macht. Für die riesige Mehrheit der Menschen im Iran ist der schiitisch geprägte Islam konstitutiv. Als Islamische Republik ist der Iran eben nicht auf der unantastbaren Würde aller Menschen begründet. Das Aufbegehren von Frauen sei vor ein paar Jahren mit Härte beantwortet worden bis hin zu tödlicher Gewalt. Das Ziel, einen kurdischen Staat zu konstituieren, sieht Darabi derzeit in weite Ferne gerückt.

Fotos: VHS
Alltagsrassismus hat er selbst schon erleben müssen, auch in Neuruppin. Aber das Grundgefühl sei positiv. Der Fußballsport dürfte auch nicht unerheblich dazu beigetragen haben. Und Liebesglück. Und das positive berufliche Erfahrungsfeld. Eine auffallende AfD-Flagge am Wirkungsort unweit der A 24 könne das nicht aufheben.
Im Politischen Salon wird Amir Darabi viel Interesse engegengebracht. Aber der Kreis ist an diesem Abend klein. An Fragen mangelt es nicht. Die Antworten sind druckreif formuliert und frei von mundartlicher Lautbildung. Eigentlich könnte Amir Darabi auch Influencer sein und seine Ausstrahlung ins Spiel bringen. Christiane Schulze hatte die Idee zur Einladung. Otto Wynen moderierte.
Auf den Iran-Krieg kam man nur kurz zu sprechen. Für Trump und seine Kriegsinteressen wolle die kurdische Minderheit nicht ins Feuer gehen, sagt Darabi in Anspielung auf entsprechende rhetorische Angebote und Aufforderungen. Die Vision, der Sohn des Schah von Persien könnte aus dem Exil zurückkehren, das System könnte restauriert werden, ist für Darabi, der die iranische und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, keine Perspektive. Er sagt sehr deutliche Wort in der Stadt, in der Friedrich II. nicht als Gartenfreund oder Wanderer weilte, sondern im Rahmen seiner militärischen Prinzenrolle, die Thronfolge klar im Blick: “Monarchie ist Diktatur!”
Eine These am Rande taugte sicherlich auch zum Salonthema: “In 100 Jahren wird es die deutsche Sprache nicht mehr geben.” Die Worte waren nicht fremdenfeindlich gemeint, sondern medienkritisch und generationsskeptisch und ließen den friesischen Sound hörbar werden. Amir Darabi hatte sehr eindringlich dargelegt, wie wichtig die sogenannte Muttersprache und ihr freier Gebrauch für die Identitätsentwicklung ist. Repression kann die Bedrängten allerdings zusammenführen. Oder eben isolieren. Als sein eigenes politisches Engagement im Iran heikel wurde, habe er sich auf den Weg gemacht. Möglichst nach Griechenland oder nach Deutschland. Ein Onkel, der damals prägend war, lebe heute in Australien. Nähere Verwandte habe er in Deutschland nicht. Aber auch Freunde und Freundinnen mit kurdischen Wurzeln im Iran. Man treffe sich bei Gelegenheit, man sei vernetzt. In Neuruppin und Umgebung gebe es mehr Kurdinnen und Kurden mit Bezug zur Türkei. Und der Kaffee auf dem Tisch?
