Das Ensemble – hier im Mittelpunkt die Moderatorin Esther Wild.
Eigentlich stehen Hilde und Roland im Mittelpunkt der szenischen Lesung “All das geschieht”. Ihr Briefwechsel zwischen 1938 und 1942 führt in entscheidende Jahre der NS-Zeit und lässt Propagandawirkung und Verstrickung miterleben. Dann plötzlich krasse Zitate von AfD-Politikern wie Alexander Gauland und Björn Höcke. Was bleibt? Parteiverbot? In der gut besuchten Aula der Oberschule Alexander Puschkin gab es nach der Darbietung primär von jungen Stimmen beeindruckende Schilderungen und Aussagen zur gebotenen Auseinandersetzung.
Von Volkmar Heuer-Strathmann
Die schlichte Gegenüberstellung von Tätern und Opfern funktioniert bei “All das geschieht” schlecht. Das System ist verbrecherisch – vom ersten Tag an, nicht erst gegen Ende. Unmenschlichkeit ist Programm. Aber Hilde und Roland? Durch Hitlerverehrung geblendet? Er durch Kriegsteilnahme verwickelt in Verbrechen, sie durch Gefolgschaft an der Heimatfront verstrickt? Also schuldlos schuldig? Und was hat das mit einem AfD-Verbot zu tun? Und wo bleibt die Liebe?
Hilde Laube und Roland Nordhoff haben sich in den Jahren 1938 bis 1942 in kürzesten Abständen wahnsinnig viele Briefe geschrieben. Private Post, von Nachfahren zur Untersuchung und Verwendung freigegeben. Martin Cron war es gelungen, das in Göttingen aus 4000 Briefen entwickelte Skript zu erhalten, Spielerlaubnis inbegriffen. Die Darbietung in der Puschkin Schule war die dritte in Neuruppin.

Dass Soldatenpost in beiden Richtungen der Zensur unterlag, scheint irrelevant. Eben bloß eine Liebesgeschichte? Gut gewählte historische Dokumente, Fotos und Filmausschnitte erweitern die Wahrnehmung entscheidend. Technik: Wolfgang Freese. Zu hören war auch die Kriegserklärung gegen Polen. Der Lügner Adolf Hitler spricht, am Volksempfänger ist es am selben Tag im ganzen Deutschen Reich zu hören: “Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!” Nicht nur Polen wird zur Strecke gebracht. Bis 1942 kann aus NS-Sicht weitgehend eine Erfolgsgeschichte erzählt werden. Und auf diese Armee, auf die deutschen Soldaten der Wehrmacht, soll man, wie Björn Höcke nicht erst heute voll entflammt anmahnt, endlich “mit Stolz” blicken? Die “Schuldkultur” überwinden? Übel könnte einem dabei werden, dabei ist der Holocaust noch nicht Thema. Was nach 1942 aus Roland und Hilde wurde, bleibt offen.
Paul Weismann und Alexandra Madincea behielten Distanz zur Rolle, auch stimmlich. Rolands Besserwisserei, Hildes Lebenslust – all das wird szenisch bewusst nicht ausgespielt. Kein Mondschein, kein Kriegsdonner! Angela Hundsdorfer und Lennardt Conrad sind anders zu erleben. Ihre Ansagen klar und bestimmt, sie verkündet. Der Ton des Neuruppiner Schülers dagegen fragend, suchend, er ergründet. Sie ist das “Gestern”, er ist das “Heute”. Geschichte geht anders, Geschichtsschreibung eigentlich auch. Volkhard Knigge, lange führend tätig in und für Gedenkstätten, hat mit “Geschichte als Verunsicherung” Wegweisendes dazu geschrieben. Hier sollte es einfacher sein, suggestiver. Das kam sehr gut an, macht das Konzept aber auch angreifbar. Als Finale: Gegenwartskunde. Alle Akteure erheben sich und werden Zeitgenossen. Zitate erfüllen den Raum, dazu Zeitabgaben. “Vogelschiss” und Schandkulturschande als AfD-Parolen so aufrecht angestimmt, das hat eine subtile Ironie. Despektierliches Merz-Gerede von hoch oben herab nicht minder. Anhaltender Applaus für die vier Agierenden!

Fotos: VHS
Zuerst wurde “All das geschieht” 2025 im Alten Gymnasium dargeboten, dann im Landhaus Kastanie in Karwe. Nun also 2026 bei Puschkin, aber nicht am Vormittag. Zur öffentlichen Abendveranstaltung waren auch Schülerinnen und Schüler gekommen, nicht nur das emsige Thekenteam.
Die Oberschule Alexander Puschkin versteht sich als “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage”. Mit einer abgesägten Bank wie vor dem Rathaus, auf der Rassisten einfach keinen Platz finden (sollen), kann man nicht Schule machen. Zwei Schülerinnen aus dem 7. Jahrgang schilderten eindringlich, was eigentlich auf der Hand liegt: Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen, Prägungen, Bedingungen, Interessen, Bedürfnissen, Schwächen kommen als Schülerinnen und Schüler zusammen. Religion spielt eine sehr unterschiedliche Rolle. “Wenn du selbst Krieg erlebt hast, ist alles anders”, heißt ein Satz des Abends. “Es geht um den Menschen – um jeden”, ein anderer. “Ich lass’ mir nicht alles gefallen”, ein dritter. Diskriminierung und Rassismus wurden abgegrenzt, man schert bei Puschkin nicht alles über einen Kamm. So bekamen die Gäste von den beiden couragierten Schülerinnen eine Lektion unter Leitbegriffen wie Empathie, Ehrlichkeit, Toleranz, Mut, Zuwendung, Wertorientierung und Wertschätzung.
“Wie kann solch eine Auseinandersetzung Raum gewinnen außerhalb der Schule”, fragte Paul Weismann. “Neuruppin bleibt bunt” versucht ganz Unterschiedliches. Wer für das (umstrittene) Verbotsverfahren zuständig wäre, wird kurz erklärt. Durch die Schilderungen aus dem Schulalltag und von Projekten wie die kürzliche Anne-Frank-Ausstellung im Museum mit Scouts wird klar, wie an dieser Schule gerungen wird um ein Schulleben, das dem Satz verpflichtet ist, der am Ende der szenischen Lesung an die Leinwand projiziert wurde: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Er gilt selbst für die, die Zweifel an ihren wahren Werten aufkommen lassen. Er ist unabhängig von Umfragewerten. Aber wo ist die Grenze für eine Partei?

Ich konnte leider nicht vor Ort sein, freue mich daher besonders über den informativen und lebendigen Artikel.
Wird es noch eine weitere Aufführung geben?
Wir denken gerade tatsächlich über eine weitere Aufführung nach.