Die Gleichstellungsbeauftragte Neuruppins lud zur Lesung mit Alexandra Zykunow aus ihrem Buch „Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?“ – Und viele, besonders Frauen jüngeren Alters kamen

Am 11. September 2026 lud die Gleichstellungsbeauftragte Neuruppins Ines Rehfeld gemeinsam mit dem Neuruppiner Frauennetzwerk ins Alte Gymnasium zu einer Lesung mit Alexandra Zykunow, die ihr neues Buch mit dem provokanten Titel „Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?“ vorstellte. Damit platzierte sich die Autorin, Spiegel-Kolumnistin und Speakerin Zykunow auf den ersten Rang der Spiegel-Bestsellerliste. Und sie und die Einladenden konnten sich auf einen gut gefüllten Saal mit etwa 60 Besucher/innen (einige Männer befanden sich auch unter den Gästen) freuen. Dass die Veranstaltung viele junge Frauen interessierte, spricht für die Präsenz eines Problems mit der Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft, obwohl diese doch durch das Grundgesetz bereits in seinem Artikel 3, gleich nach der Würde jedes Menschen und des Lebens/der körperlichen Unversehrtheit, ein vom Staat als hohes zu schützendes und durchzusetzendes Gut gilt.

Von Carla Ruppin

Ines Rehfeld nahm ihre Rolle als Moderatorin wahr, indem sie die eingeladene Autorin vorstellte und auf deren vorausgegangene Bücher verwies mit den Titeln „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!“ (2022) und „Was wollt ihr denn noch alles?“ (2024) und nun also „Aber patriarchale Kackscheiße darf man schon sagen, oder?“ (2026). Die Steigerung hinter den Titeln ist unverkennbar. Vielleicht stecken hinter der vulgär klingenden Formulierung des letzteren Ärger, Wut und Unverständnis für die Sackgasse, in die die Emanzipationsbewegung der Frau, der Feminismus geraten ist. Vielen scheint es jedoch suspekt, solch eine Sprache zu benutzen. Das erfuhr auch die Autorin mancherorts. Oder bedarf es in einer Zeit, in der eine allgemeine Sprachverrohung zu beobachten ist, eben solcher Sprache, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden? Fällt man als Autor auf einem überbordenden Büchermarkt nur noch mit einer radikalen Sprache auf? Es scheint jedenfalls keine Fortschritte bei der Gleichberechtigung der Frau zu geben, Grundgesetz hin oder her. Und das erzeugt Ungeduld und Verärgerung, besonders unter jungen Frauen.

Provokanter Buchtitel, ernstes Thema: Bei der Lesung von Alexandra Zykunow im Alten Gymnasium ging es um patriarchale Rollenbilder, feministische Erziehung und die Frage, warum Gleichberechtigung im Alltag noch immer keine Selbstverständlichkeit ist.
Foto: macron

Ines Rehfeld verwies in ihrer Hinführung zur Lesung darauf, dass die Autorin in ihrem Buch aktuelle Diskriminierungsformen aufzeige, die schwer auszuhalten seien, dass sie aber auch Lösungsansätze anbietet. Und manchmal, so gestand sie, habe sie „Schnappatmung“ beim Lesen gehabt wegen der gnadenlosen Ehrlichkeit der Darstellung.
Die nun folgende Lesung konnte beim Publikum keine „Schnappatmung“ auslösen, blieb sie doch weitestgehend sachgerecht im Ton und lebendig und engagiert in der Umsetzung. Der Titel allein setzte wiederholt den provokanten Akzent. Inhaltlich las die Autorin aus drei Kapiteln, die sich alle mit feministischer Erziehung befassten und ausschließlich mit sehr persönlichen Beispielen arbeiteten. Das kann einerseits sehr überzeugend wirken, andererseits aber auch den Beigeschmack einer persönlichen Nabelschau erhalten. Alexandra Zykunow, 41 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern im Alter von 9 und 13 Jahren, bekannte, bis zu ihrer Mutterschaft den Satz, wir seien schon längst alle gleichberechtigt, völlig akzeptiert zu haben. Erst ihre Mutterschaft habe sie feministisch radikalisiert. Bis dahin habe sie es als eigene Schuld betrachtet, wenn sie u.a. nicht so viel verdient habe wie ihre männlichen Kollegen. Sie habe also schlecht verhandelt. Aber es habe auch in ihrer Familie schon immer einen „Onkel Günter“ gegeben, der bei Familienfeiern folgende Sätze fallen ließ: „Alexandra, hast du ein Glück, dass dein Mann dir so viel im Haushalt hilft!“ oder „Es gibt wirklich wenig Frauen in Führungspositionen. Aber wenn wir ehrlich sind, wollen Frauen doch keine Führungspositionen. Das liegt doch nicht in ihren Genen!“ oder „Männer sehen den Dreck eigentlich nicht. Das liegt ihnen nicht im Blut.“ Das sind „Bullshitsätze“, „Sätze aus den 60er Jahren“, stellte Zykunow fest. Wenn sie zunächst dachte, sie höre diese nur in der eigenen Familie, sei sie im Laufe der Zeit durch Leserinnen-Reaktionen eines Besseren belehrt worden.
Nun aber, als Mutter eines Jungen und eines Mädchens, wollte sie ihre Kinder nicht blind und unvorbereitet in diese gesellschaftliche Gegebenheit hineinlaufen lassen. Ihre Antwort darauf fand sie in einer differenzierten Erziehung beider Kinder, denn diese liefen Gefahr, typischen Trends zu unterliegen: Das Mädchen sucht sich sein Körperbild bei Barbie, der Junge eifert den Superhelden nach.
Im Kapitel „Schwabbel“, aus dem gelesen wurde, schildert sie ihre Bemühungen darum, den Wert eines Menschen nicht von der Außenform, also Kleidung oder Körperform, abhängig zu machen. Ein Problem, dass besonders, aber nicht nur auf Mädchen zutrifft. Sie setze dem die besonderen Fähigkeiten des Körpers als Wunder der Natur entgegen. Und dass man den Körper, z.B. den Bauch „Schwabbel“, auch lieben dürfe, weil er (Wortlaut der Tochter) „Babys basteln kann“. Mütter sollten darauf achten, wie sie mit ihrem eigenen Körper umgehen. Dabei dürften sie ihren Körper durchaus kritisieren. Dass das alles jedoch nicht belehrend herüberkam, ist der sehr persönlichen Schilderung der Autorin zu verdanken, die oft Zustimmung und leises Lachen im Publikum hervorriefen.
Der Vorstellung aber, der Feminismus sei nur für Frauen und Mädchen wichtig, widersprach Zykunow unmissverständlich. Feminismus sei auch für Jungen wichtig, um zu besprechen, wie schlecht das Patriarchat auch für Jungen ist. Wieso müsse denn immer der Prinz die Prinzessin retten? Ihr Sohn fand das jedenfalls ungerecht. Was, wenn er dazu keine Lust habe, nicht die entsprechenden Fähigkeiten besäße oder einfach sich für etwas anderes interessiere? Das Patriarchat sperre auch Jungen in „Käfige“ ein, wie Zykunow feststellte.
Unsere Gesellschaft behandle Kinder immer noch geschlechtsspezifisch. So ist längst statistisch erwiesen, dass Frauen den Großteil an Haus- und Carearbeit leisten, trotz einer Erwerbstätigkeit. Und die Frage, wie ein Junge zu sein habe, führe zu großen Teilen in den „Käfig des Patriarchats“. Selbst die jugendlichen peergroups reagieren darauf und hindern Jungen daran, aus diesem Käfig auszubrechen. Sprüche wie: „Der hat keine Eier in der Hose!“ oder „Sei doch mal ein Mann!“ zeugen davon. Und selbst erwachsenen Männer werden von bizarren oder absurden Regeln gehindert auszubrechen. Auch sie steckten in einem absurden „Boy-Code- Käfig“, wie die Soziologie das benennt. So nenne jemand seinen Sohn „schwul“, weil er Salat isst; schwul gilt ein Mann, der einen Regenschirm benutzt, sich über Blumen freut, Avocado oder Sushi isst, mehr als 3 Paar Schuhe hat usw. Das ist tatsächlich mehr als absurd!!

Alexandra Zykunow ganz in ihrem Element.
Foto: VHS

Und was tut Alexandra Zykunow in ihrer Familie gegen diese Absurditäten? Ihr Sohn muss in der Familie mehr im Haushalt leisten als die Tochter. Dafür kassiert sie schon mal den Satz: „Ich kann doch nichts für das Dreckspatriarchat!“ Ihre Aufgabe als Mutter sehe sie darin, ihrem Sohn immer wieder und kindgerecht zu erklären, dass der Boy-Code Schmerzen zufügt und nicht befolgt werden muss. Und es müsse darum gehen, die eigenen Kinder sachunabhängiger zu machen von den Urteilen anderer. Und sie müsse als Mutter heute daran denken, wie ihr Sohn sich später in Beziehungen verhalte.
Wiederholt verweist Zykunow auf weitere Autorinnen, die sich mit dem Thema befassten: Susanne Mirau und Anne Dittmann. Susanne Mirau befasst sich damit, wenn in heterogenen Beziehungen der Partner nicht bei der Kindererziehung mitmacht oder diese sogar konterkariert. Sie sehe es nicht als Aufgabe der Ehefrau, den Ehemann zu erziehen und ihren Männern eine feministische Grundausbildung zu erteilen. Zykunow ergänzt, dieses Thema sei nicht privat. Es gehöre in die Kultusministerkonferenz, in die Schulen… Anne Dittmann veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Jungs von heute – Männer von morgen“. Darin wirft sie die Frage auf, was es mit den oft bemühten männlichen Vorbildern auf sich habe, die für die Erziehung wichtig seien. Sie stellt fest, dass Geschlechterkonformität in der Erziehung nicht wichtig sei. Historisch habe im Patriarchat der Mann ohnehin die „Ernährerrolle“ übernommen. Kindererziehung sei in dieser Gesellschaftsstruktur Sache der Frau! Die Wertevermittlung gehe demnach vor allem von der wichtigsten Bezugsperson des Kindes aus.
An dieser Stelle wirft Alexandra Zykunow weiterführende Fragen auf: Welchen Einfluss auf die Kindererziehung haben soziale Medien, Serien, youtube…? Wieso wählen junge Männer und junge Frauen rechte Parteien? Diese sind in ihrer Einstellung niemals feministisch und vertreten ein geschlechtsspezifisches Rollenbild aus der Vergangenheit.
Weiterführend bleibt zu fragen: Wenn die Gleichheit der Geschlechter zwar im Grundgesetz steht und als Aufgabe des Staates formuliert ist, diese herzustellen, wieso findet diese Aufgabe so wenig Beachtung in den politischen Programmen? Wieso verharrt unsere Gesellschaft in diesem für viele Frauen unbefriedigenden Zustand? Und was, wenn auf diese Gesellschaft andere kulturelle Einflüsse treffen, die Frauen noch stärker auf ihre Rolle im Patriarchat zurückdrängen wollen?
Alexandra Zykunow liest und zitiert abschließend aus ihrem letzten Kapitel, das Erzählungen enthält, dass feministische Erziehung gefruchtet hat. Sie freue sich über Reaktionen ihrer Kinder, die ihr das verdeutlichen. Es gehe darum, Kinder resilienter zu machen. Dafür erhält sie großen Applaus. Im anschließenden Gespräch gibt es einige Fragen, die sich auf Kindererziehung beziehen, sodass Zykunow lachend feststellt, dass sie nun Erziehungsexpertin geworden ist. Und etwas merkt man ihr die zuvor von ihr manchmal zugestandene „feminist fatigue“, die Ermüdung an der dauerhaften feministischen Erziehung, an, wenn sie in ihrer Elternrolle ausspricht: „Was sollen wir denn noch alles machen?“ und auf die Aufgabe der Schule verweist.
Hier stellt sich die Frage: Was soll Schule noch alles machen? Das werden die Lehrer/innen fragen. Integration, Inklusion, Medienerziehung… … feministische Erziehung? Und das sogar als Fach? Es braucht wohl endlich kluge und allumfassende Konzepte in der Bildung und Erziehung. Konzepte, die nicht zulasten der Grundkompetenzen gehen. Pisa lässt grüßen!
Zum Schluss spricht Moderatorin Ines Rehfeld von einem „patriarchalen Dornröschenschlaf“, in welchem sich unsere Gesellschaft befindet. Alle zehn Jahre müssten sich insbesondere Mütter damit neu befassen, ihre Kinder feministisch zu erziehen. Ja, wenn sie es denn alle täten, lässt sich ergänzen. Erkennen tatsächlich alle Frauen patriarchale Strukturen und Muster? Die Messe „Frauen für Frauen“ am 13.09. 26 im Hangar in Neuruppin bietet Stände von Thermomix, Aqua Global, HYLA… und weiteren, also Kochautomat, Wasseraufbereiter und Staubsauger und weiteren als Frauenevent an. „Das bisschen Haushalt…, sagt mein Mann.“ lässt grüßen.

Ines Rehfeld fordert Schule ebenfalls auf, das Patriarchat und den Feminismus stärker thematisch zu verankern und verweist auf ein Beispiel aus Großbritannien. Und sie verweist auch darauf, dass in Deutschland nur linke Parteien das Thema überhaupt auf ihrer Agenda hätten. Aus ihrer Sicht ist das jedoch kein nice-to-have, sondern Grundlage eines guten Lebens für alle Menschen. Der abschließende Applaus sprach von der Zustimmung der Anwesenden.
Natürlich konnten im Anschluss Bücher signiert werden. Die Diskussion über das Thema ließ die Teilnehmer/innen im Anschluss noch nicht los. In kleineren Gruppen wurde lebhaft weiter diskutiert.

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