Blickfeld, Schlachtfeld, Bombardierfeld – schon wieder “ein weites Feld”

Man blättert ein bisschen. “Bilderatlas” hat Alexander Kluge sein Werk “Sand und Zeit” genannt. Ruinen aus Gaza stechen ins Auge. Montagen und Überblendungen verwirren. Nochmal zurück. Zurück zur Eröffnung. “Die Vernunft als offene Baustelle” ist der Einstieg überschrieben. “Kriege sind etwas Produziertes – von niemandem und keinem Ziel beherrschte Produktion”, heißt es. Gegenproduktion sei geboten. Doch dann das, ganz lakonisch: “Wie es im Roman heißt: ‘Das ist ein weites Feld.’”

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Alexander Kluge, einst zum Juristen ausgebildet, doch weitaus mehr den Künsten in Bild und Wort zugeneigt, verwendete gemeinsam mit dem Soziologen Oskar Negt viel Mühe darauf, in “Geschichte und Eigensinn” aufzuzeigen, dass Krieg trotz seines destruktiven Charakters generell als “Arbeit” zu verstehen ist. So ließ sich Marx 1981 in der BRD lesen. Befehlsgewalt, Arbeitsteilung, Ausbildung, Ausrüstung, Ausführung lassen sich untersuchen, oft allerdings erst im Nachhinein und dabei niemals voraussetzungslos, Schicksalsschläge inbegriffen. Alexander Kluge, Jahrgang 1932, hat als Kind in Halberstadt im April 1945 erlebt, wie eine Sprengbombe nur wenige Meter neben ihm einschlug.
Den oder die Piloten der US Air Force dürfte er nie kennen gelernt haben. Den Soldaten. Den Befehlsempfänger. Den Auslöser. Den Befreier. Selbst an einer Geschichtsschreibung interessiert, die den historischen Prozess und individuelle Lebensläufe soweit möglich, möglichst dialektisch und tief psychologisch verknüpft, kommt er nicht umhin, es manchmal bei Annnahmen und Gedankenspielen zu belassen. Was wäre geschehen, wenn der Mensch US-Präsident Joe Biden 2024 “die Idee von Beratern” hätte realisieren lassen, “vor Gaza einen künstlichen Hafen zu errichten” wie 1944 vor der Normandie. Nicht zur Landung. Nur zur Versorgung. “Generosität” als Motiv. – Naiv?

KI-Fotobearbeitung: Gaza-Stadt und mythologische Fundstücke aus Hattin
Fotorepros aus “Sand und Zeit”, dort ohne jede Urquellangabe.

Was sich stattdessen entwickelte im Gaza-Krieg dokumentieren Fotos. Israels gnadenlose Bombardements hinterlassen Ruinen. Leichen sind nicht zu sehen. Die Vorgeschichte wird nicht erzählt, nicht die lange, nicht die kurze. Kluge meditiert über Zementstaub. “Noch als Sondermüll schwer zu entsorgen”.
Blättern reicht bei diesem wahrlich sehr weiten Feld nicht, schon wegen der Bearbeitung durch KI, die jedes künstlerische Aktionsfeld noch erweitert. Kluge mag’s. Muss man nicht. Ob sein Panorama noch “Sand im Getriebe” ist, wie von Günter Eich 1951 herbeigesehnt angesichts des wie geschmiert laufenden Betriebs in Westdeutschland? Um “Sandkastenspiele” von Soldaten und Soldatinnen geht es bei Kluge in “Sand und Zeit” übrigens auch. Das Wort vom “Spielverderber” würde in Kluges Lebenswörterbuch passen.
Dass der Einwurf vom “weiten Feld” in Theodor Fontanes Roman “Effi Briest” an sieben Stellen einschlägt, wird Alexander Kluge wissen. Harald Burger hat “Theodor Fontanes Phraseologie” schließlich hinreichend durchgepflügt und nicht vergessen, was der Märker sonst noch so wachsen lässt, sogar auf Sand. Seine Kriegsberichte und seine Haltung wären hier wahrlich ein “zu weites Feld”.

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