Die katholische Herz Jesu Kirche Neuruppin im Abendlicht.
Von 1927 bis 1935 wirkte der katholische Pfarrer Albert Willimsky in Friesack. 1940 verstarb er in Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen. Was sein Leben prägte, insbesondere in den letzten Jahren, zeigt eine beeindruckende Wanderausstellung in der Herz Jesu Kirche in Neuruppin. Dass nur wenige Menschen bei der Eröffnung zugegen waren, hat sicherlich primär mit dem Ferienbeginn in Brandenburg zu tun. Und mit der Diaspora?
Von Volkmar Heuer-Strathmann
“Diaspora in Friesack” ist eine Schautafel überschrieben. Der Frisacker Verein “DEO JUVANTE” ist von dem Bemühen geleitet, den katholischen Glauben und das Leben von Katholiken ins Gemeinwesen aktiv einzubringen. Dass man sich nicht darauf beschränkt, zeigt die Wanderausstellung. Das bemerkenswerte Projekt wurde von der Landeszentrale für politische Bildung unterstützt. Deshalb kann das Buch “Albert Willimsky – ein Leben für die Wahrheit” gratis mitgegeben werden, solange der Vorrat reicht.
Nach der Begrüßung durch Pfarrer Christoph Zimmermann gab Matthias Rehder als Vorsitzender des Friesacker Vereins ein paar Erläuterungen. Später ergriff auch Ulrich Schnauder als einer der Verantwortlichen das Wort. Taizegesänge erzeugten während der Veranstaltung eine andächtige Stimmung.
Albert Willimsky kam 1890 in Oberglogau in Oberschlesien zur Welt. Sein Lebensweg bis zum Tod im KZ Sachsenhausen im Winter 1940 ist auf außergewöhnliche Weise mit der Geschichte Deutschlands und Polens und ihrer wechselvollen Beziehung verwoben. Als Leitwort des Seelsorgers zitierte Rehder Zeilen aus einem Brief, der 1939 während der Haft verfasst wurde: “Ich verurteile wohl den Irrtum, nicht aber den Irrenden.” Die Ausstellung trägt den Titel “Ein Leben für die Wahrheit”.

Wie brisant Wahrheitsfragen sein können, wie unausweichlich sich Gewissensfragen stellen, wird nicht erst 1933 mit der NS-Herrschaft deutlich. So war Albert Willimsky im Ersten Weltkrieg Soldat. In den Jahren 1918/19 wurden wichtige Teile der europäischen Staatenwelt neu geordnet. Ein Wort wie “Gottes Welt” lebt aus dem Glauben. Politik funktioniert anders. Als gläubiger Katholik mit unterschiedlichen Wirkungfeldern erlebte Willimsky Zäsuren und ganz unterschiedliche Machtstrukturen. Die Ausstellung lässt mit Bild und Text daran teilhaben, oft durch Dokumente. Und man schreibt nicht nur Deutsch. Vom Buch gibt es auch eine polnische Version.
Was schließlich am 30. Oktober 1939 in Szczechin, damals Stettin, zur Verhaftung von Albert Willimsky führte, wirkt wie eine Alltagsanekdote. Bei Karstadt hatte er sich gegenüber einem Kassierer zur “Polenfrage” geäußert und betont, er verstehe, dass sich die Polen gewehrt hätten. Die NS-Propaganda hatte ein anderes Fundament: “Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!”, hatte Adolf Hitler am 1. September 1939 lauthals verkündet. Ein Lügensystem. Und der aggressive Beginn eines Krieges, dessen Verlauf zeigt, wie wichtig es gewesen wäre, wenn mehr Menschen in Deutschland die Stimme erhoben hätten wie Albert Willimsky.

Fotos: VHS
Im Jahr 2027 will man in Friesack mit einem größeren Projekt an den Beginn der Pfarrtätigkeit von Albert Willimsky vor 100 Jahren erinnern. Bei der Eröffnung der Ausstellung wurde von Zimmermann und Rehder darauf hingewiesen, wie brisant die Fragen geblieben sind, vor denen Willimsky stand, bei allen Unterschieden. Man kooperiert in der Gedenkarbeit mit polnischen Gemeinden. Rehder betonte, wie kritisch Willimsky gegen einen Nationalismus eingestellt war, dessen Wortführer sich erheben über die Menschen aus anderen Ländern. Dichterinnen wie Agnes Miegel aus Königsberg erhoben den “Führer” in den Rang eines Erlösers. Albert Willimsky ließ sich in seinem Glauben nicht beirren. Rehder erwähnte auch, dass der Pfarrer bereits vorher Vorwürfen ausgesetzt war. Folgt man der Diktion der Ausstellung, müssen sie haltlos gewesen sein.
Dass der in Münster geborene Kurt Gerstein, der 1925 in Neuruppin sein Abitur machte und später selbst tief verstrickt war ins NS-System, in Rom vorstellig wurde, um den Papst über das Ausmaß der Massenvernichtung in Auschwitz-Birkenau zu informieren, sei hier nur am Rande erwähnt. Ebenso, wie sich der Neuruppiner Friedrich Gollert ab 1939 in Warschau in die Reihe führender Täter einfügte und an der deutsch-polnischen Geschichte brutal mitschrieb.
Folgt man den Akten, starb Albert Willimsky in Sachsenhausen an “Herzversagen”. Sein Herz hatte aber eben nicht versagt, als es um Wahrhaftigkeit ging in jener Situation, die sein Schicksal besiegelte im an Brutalität und Primitivität nicht zu überbietenden NS-Lagerstaat. Dass das KZ Sachsenhausen um die Jahreswende 1939/40 überfüllt gewesen sein soll, gehört auch zur Kriegs- und Unterwerfungsgeschichte.
Die Öffnungszeiten der Ausstellung sind in der katholischen Gemeinde zu erfahren. Ein paar Minuten vor oder nach einer Messe im Gotteshaus reichen gewiss nicht aus, um durch diese Ausstellung mehr über das Leben von Albert Willimsky zu erfahren. Ob Neuruppins Pädagoginnen und Pädagogen mit den entsprechenden Jahrgängen nach den Sommerferien, also bis zum 2. September 2026 noch den Weg zu diesem Lernort finden?
