Hinaus in die faszinierende vielgestaltige Musikwelt zur AEQUINOX-Zeit!

“La Follia” – was mag das bedeuten? “Amerika!” klingt da schon klarer. Zumindest geografisch. Und “Dancing Queen”? Die Kapitulation vor der Popkultur – Billigimporte aus Schweden jetzt auch bei AEQUINOX in Neuruppin? Der zweite Tag des 16. Musikfestivals brachte diese drei Angebote mit sich. Doch das wahrhaft Bahnbrechende war der “Konzertauftakt” am Abend. Ein Vorglühen? Ein Feuerwerk für die Nacht!

Von Volkmar Heuer-Strathmann

“Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.” Mit Rainer Maria Rilke eröffneten vier verwegene Zöglinge der Musikschule Ostprignitz-Ruppin den Abend in der Kulturkirche. Was folgte, war furios. Vorauseilend hatten sich die junge Violinistin Frida Baier und die Musici Maximilian Schuck, Malte Kosmalla und Johann Matthis Segebarth mit Altersfragen befasst und wie in einer Art Musikkabarett schon mal Rückschau gehalten auf ihr gelebtes Leben. Was mag da kommen? Was können wir wollen dürfen? Nein, das war nicht Kant. Knapp daneben. Was müssen wir bereuen, wenn wir um 2126 – von KI begleitet und künstlich ernährt – mal Rückschau halten? Man macht ja was mit Kunst. Musik und so. Am Klavier und an der Violine. Geschlagen wird auch. Und versweise (Achtung: Wortspiel!) rezitiert. Wunderbar! Aber sonst so? Im richtigen Leben? Lebensversicherung? Echt jetzt? Nur Musik? Wie lange geht das? Es gibt Befürchtungen. Auch politische. Ein Helm wird gegriffen. Gedanken werden laut, die Violine lässt träumen, das Schlagwerk schreckt auf. Lange Läufe sind sicher gut gegen Artritis. Aber sonst? So viel Ungewissheit, so viele Szenarien, Krieg inklusive. Bleibt, auch wegen der überwältigenden Resonanz, die Frage: Wann wird aus diesem Geniestreich gegen Verführbarkeit, Einsamkeit und Alterseinfalt ein ganzes Stück Jugendweisheit mit Musik? Noch in diesem Jahr? Oder zu AEQUINOX 2027?

KALIT – wagemutig in der Musikwelt unterwegs.

Frida Baier hatte schon am Vormittag mitgewirkt. Da hatte das Ensemble KALIT vom Gutshaus Friedenfelde aufgespielt mit “La Follia – ungezähmt!” Catherine Aglibut und Martin Ripper präsentierten Ergebnisse ihrer Arbeit mit der freien gemischten Gruppe, die sich expermentierfreudig zeigt, deshalb aber nicht etwa musikalische Ansprüche vernachlässigt. Im Gegenteil! Sonst griffe man nicht in die Notenkiste des Barock – von John Playford über Henry Purcell bis zu Antonio Vivaldi. Als Moderator war Wolfgang Katschner zu erleben. Nein, es war nicht Bernhard Hoecker. Der kommt im Herbst. – Als Krönung ging es am Ende dieses Vormittagsausflugs ins Ungeordnete, Ungezähmte, Durchmischte. Da war auch “Queen” im Repertoire mit “Boheminan Rhapsody” – Britisches, Feingesponnenes zwischen Rap und Ode, eben Freddy Mercury zur Tagundnachtgleiche. Irre gut!

Fünf Freunde, drei Stimmlagen – in Fehrbellin A Capella.

Dann der Nachmittag. Da war Kirchgang in Fehrbellin angesagt. Und statt Monarchie und UK lieber USA, kurz als “Amerika!” angekündigt von Amarcord. Wer zu spat kam, spürte sofort die große Ernsthaftigkeit in der unterkühlten Kirche. Gerade wird ein Kameramann in die Schranken gewiesen. Die fünf Sänger würden sich gerne besser konzentrieren können. Zustimmende Geräusche und Gesten. Ganz am Ende dann nicht enden wollender Applaus. Die AEQUINOX-Gemeinde hatte sich erhoben zum Jubel. Das hatte gute Gründe. Denn nach manch sakral anmutender Melodie ging es mit Titeln wie “Swing low” und Versen wie “Let’s do it, let’s fall in love” ins Reich der unsterblichen Sehnsucht. Daniel Knauft (Bass) deutete an, man könne Wohltuendes dieser Art in naher Zukunft noch mehr gebrauchen. Und – das war schon unter dem Stichwort Sklaverei angedeutet worden – schlimme Zeiten würden nicht selten mit berührenden Musikkompositionen einhergehen, Risiko inbegriffen. Wer Amarcord aus Leipzig am Abend zuvor in der “Johannespassion” erlebt hatte, wurde im Zeichen von “Amerika!” Zeuge ihrer Wandlungsfähigkeit, ihres dezenten Humors und ihrer Lust auf A Capella. Knauft, Bass Holger Krause und die Tenöre Wolfgang Lattke und Robert Pohlers sowie Bariton Frank Ozimek sollen wiederkommen. Werden sie sicherlich auch, schon wegen der heißgeliebten Kartoffelsuppe zur Gastspielzeit.

Asya Fateyeva und die Berliner Lautten Compagney
Fotos: VHS

Bleibt ABBA. “Muss man dazu etwas sagen?”, könnte man mit Wolfgang Katschner fragen. Er selbst war am Abend an der Laute zu erleben. Für “Dancing Queen” war die Lautten Compagney etwas anders aufgestellt als am Abend zuvor. Katschner verriet: “Popmusik ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts.” Der französische Komponist Jean-Philippe Rameau habe sich schon Anfang des 18. Jahrhunderts nicht gescheut, Eingängiges und Beschwingendes in seine Opern einzustreuen. Das Konzert konnte beginnen.
Zum Star des Abends avancierte Asya Fateyeva am Saxophon. Wer glaubte, ABBA gehe nicht ohne die Stimmen, schon wegen der Ohrwürmer wie “Mamma Mia” oder “Thank you for the music”, wer befürchtete, Empfindsamkeit nach Art von Rameaus “Rossignols amoureux” vertrüge noch kein Saxophon, durfte staunen. Und genießen. Hinzu kamen mundgeblasene Spezialeffekte von Peter Bauer und beste Instrumentalmusik des Ensembles. Die Arrangements hatte Bo Wiget besorgt. Also erledigt. Es dürfte Zufall sein, aber irgendwie war das begeistert gefeierte Programm auch eine Antwort auf eine der Fragen, die im Vorprogramm anklangen. Es gibt für fähige Musizierende lange Verwendung. Die beteiligten wirken jünger von Titel zu Titel. Man scherzt mal leise mittendrin, ohne Mikro. Man zwinkert sich zu. Hat Freude. Heitere Gelassenheit und hohe Kunst in Symbiose – auch eine Botschaft zur Tagundnachtgleiche – für gewisse Momente.

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