“Effi Briest” – eine Lachnummer in “Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke”

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke Filmkritik

Eine Figur aus “Effi Briest” als Nilpferd darzustellen, das ist die Aufgabe, vor der Joachim Meyerhoff in seiner Ausbildung zum Schauspieler stand. So zumindest wird seine autobiografische Schilderung aufgegriffen in dem Kinofilm “Ach, diese Lücke, diese entsetztliche Lücke”. Die kleine Fontane-Adaption gehört sicherlich zu den heitersten Szenen in diesem überaus sehenswerten Film, dem es an Ernst und Tiefe nicht fehlt.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

Es ist noch Probezeit an der Otto-Falkenberg-Schule in München. Ein halbes Jahr dauert die Mischung aus Schulung und Bewährung. Bei Vollversagen kann schon früher Schluss sein. Nur die Direktion, die kann dumm herumsitzen, nuscheln, tuscheln und mannhaft schwadronieren. Eine fürstliche Position, eine köstliche Satire. Die gestressten Fachkräfte müssen liefern. Die großen Häuser warten. Hamburg. München. Wien. Die “Burg” wäre das Größte. Die kleinen Schuppen nehmen den Rest, Kassel, Bielefeld und so…
Improvisationsallerlei, asiatische Kampfkunst, Gestaltpsychologie, Stimmschulung und Gesangsübung, also Selbstüberwindung und Selbstoffenbarung, Textsicherheit und eben tierisch gute Adaption, das alles gehört zum Pensum. Durch Losen wird die Willkürherrschaft geschickt eingehüllt. Meyerhoff zieht zwei Zettel: “Theodor Fontane” und “Nilpferd”. Warum es dann auf “Effi Briest” hinausläuft? In der Schule gelesen. Also nicht tiefergehend, eben das Übliche. Joachim spricht mit seiner Großmutter darüber, die einst selbst Schauspielerin war und an der besagten Schule lehrte. Und der alte Großvater ist auch dabei, im Kopf Philosoph, auf den Beinen nicht mehr ganz trittsicher. Die Entscheidung für Luise Briest wird nicht kommuniziert.

Luise Briest als Elefantin oder Eselin wäre sicherlich einfacher gewesen als die Nilstute.
Foto: VHS

Umso größer ist die Heiterkeit im Kino, als Meyerhoff versucht, Mutter Briest als Nilpferd stimmliche Gestalt zu geben. Man muss das hören. Eselin oder Elefantin wäre sicherlich leichter gewesen. Große Sätze hätten zur Verfügung gestanden. Von “immer am Trapez, immer Tochter der Luft” und “nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich” bis zur Äußerung gegenüber dem alten Briest, ob sie als Eltern ihre Tochter Effi “nicht anders in Zucht hätten nehmen müssen” und der Gedanke, ob “sie nicht doch vielleicht zu jung war”. Dass von Instetten einfach zu alt und sonderlich war, wird nicht gesagt. Fontane war ja selbst nicht mehr ganz jung und unkompliziert, als er das erfolgreichste seiner epischen Werke verfasste.
Joachim hat gewiss geübt. Womöglich in der Badewanne. Unter Wasser. Die Proberäume bieten das nicht. Es klappt nicht ohne Nil. Es klappt eigentlich überhaupt nichts in diesen Wochen. Und doch wird der Meyerhoff später genommen. Ob die Großmutter mal angerufen hat? Ihr “Lieberling” kann ja einiges aus der Schultheater-AG. Tom Schilling völlig gestresst und überfordert und (scheinbar!) unfähig zu erleben in Vorbereitung einer heißen “Walpurgisnacht” mit Komparsen, macht auch Freude. Joachim spielt nicht mehr mit. Vorbildlich!
In Neuruppin wird der Film ab 18. Februar gezeigt. Womöglich wird er ja auch noch in Lindow präsentiert. Ihn nicht gesehen zu haben, ist sicherlich mehr als eine kleine Lücke. Bei der “entsetzlichen Lücke” geht es mit Goethes “Werther” indessen um mehr. Oder weniger: die innere Leere.

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