Maulende MärkerInnen

Erst ein ruppiges „Gucken Sie doch selber“, dann die hartnäckige Suche nach der verschwundenen Curry-Paste: Eine kleine Begegnung im Supermarkt erzählt von märkischer Mauligkeit, erstaunlicher Hilfsbereitschaft und der Erkenntnis, dass die raue Schale manchmal schneller Risse bekommt als gedacht.

Von Otto Wynen

Es gibt sie noch: die maulenden Märker. Bei so viel Zuzug aus „dem Westen“ hätte man sich ja Sorgen machen können, um den Ur-Märker. Doch bei allem Multi-Kulti-Gedöns, was sich in unserer Gegend hier breit gemacht hat, zum Beispiel mit den lustigen Rheinländern oder den etwas störrischen Westfalen, mit freundlichen Sachsen und sparsamen Schwaben, haben die Märker ihr Naturell trotzig bewahrt. Man erkennt sie auf Anhieb. Natürlich nicht an der Hautfarbe. Den Märker erkennt man, wenn er den Mund aufmacht und ein paar Sätze spricht. Bei zufälligen Begegnungen mit einem Märker sind das häufig Maßregelungen, Zurechtweisungen oder kurze Rüffel. So wie vor ein paar Tagen: ich kaufe in einem der großen Supermärkte ein. Da sind die Mitarbeiter eigentlich auf Freundlichkeit und Service gedrillt. Nachdem ich lange Zeit durch die langen Regalreihen geirrt war und vergeblich nach einem Gläschen mit gelber Curry-Paste Ausschau gehalten habe, frage ich – zaudernd und fast schon ein wenig demütig – eine der Mitarbeiterinnen, ob sie mir, „Entschuldigen Sie bitte“ helfen könne, diese Curry-Paste zu finden. Die Antwort kam prompt: „Nee, gucken Sie doch selber. Ich muss die auch suchen.“ Etwas eingeschüchtert murmel ich noch mal ein leises, kaum hörbares „Entschuldigung“ hinterher. Tja, das war´s. Ich dreh mich wieder zum Regal, brumme vor mich hin: „Typisch, Märker. Mannomann. Kostet doch nix, freundlich zu sein“ und setze meine Suche nach dem Gläschen Curry-Paste fort. Urplötzlich steht die unfreundliche Märkerin neben mir. Läuft professionell das nicht nur für mich unüberschaubare Warenangebot ab. Ohne Erfolg. Ich wende mich ihr zu. „Bitte lassen Sie, ich werde heute einfach was anderes kochen.“ Aber irgendwas hatte ihren Ehrgeiz geweckt. Aufgeben war jetzt für sie keine Alternative mehr. Für mich schon. Mit eichhörnchenhafter Behändigkeit, den Kopf ruckhaft von links und rechts wendend, durchstöberte sie Regal für Regal. Da war kein Halten mehr. Jetzt kam nämlich neben der „märkischen Mauligkeit“ eine ganz andere Eigenschaft zutage: die Beharrlichkeit. Denn auch das zeichnet diesen Menschenschlag hierzulande aus: haben sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, verfolgen sie ihr Ziel zäh und unbeirrbar. Und sei es die Suche nach einem Glas gelber Curry-Paste. Die Situation wurde für mich zunehmend peinlich. Ich hab kein großes Spektrum an Verhaltensweisen, um meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Und als ich noch verzweifelt überlegte, wie ich diese Such-Aktion diplomatisch abbrechen könnte, hielt die mir inzwischen in einem völlig anderen Licht erscheinende Mitarbeiterin eine kleine gelbe Tüte entgegen: „Kann man ja nicht wissen. Die Paste gibt´s nur noch in Tüten.“ Sie drückte mir das Fundstück in die Hand, schenkte mir ein kurzes zufriedenes und triumphierendes Lächeln und verschwand, ehe ich noch ein „Dankeschön“ hinterherrufen konnte.

Weite, Wolken und märkische Landschaft: Wer hier lebt, begegnet nicht nur einer eigenen Landschaft, sondern bisweilen auch einem ganz eigenen Menschenschlag – gelegentlich etwas maulig, dafür beharrlich und überraschend hilfsbereit.
Foto: macron


Ach, die Märker. Ich weiß schon, warum ich mich hier so gut aufgehoben fühle. Sie wissen schon: Raue Schale, weicher Kern. Ich muss dringend mein Bild von den Märkern revidieren, nehme ich mir vor. Ich schnall mir den Rucksack auf den Rücken, schwinge mich auf mein Fahrrad und will losradeln. Plötzlich schwirrt ein eher älterer Mann an mir vorbei und schimpft lauthals: „Sach ma, haste keene Oogen im Kopp?!“ und ist schon vorbei. Ich ruf noch hinterher: „Mensch, tut mir leid. Ist doch nix passiert.“ Da höre ich nur noch ein mürrisches „Idiot“. Ich bin mir allerdings nicht mehr ganz sicher: War er das? Oder kam das von mir?
Ach, wir Märker, wir maulen eben ganz gerne rum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Auch interessant